Benzinpreis-Absprachen vermutet
Autoclubs: Mineralölkonzerne kassieren ab

Die Benzinpreiserhöhungen von stellenweise bis zu zehn Cent pro Liter unmittelbar vor der Osterreisezeit haben bei Autofahrern für Unmut gesorgt. Der Auto Club Europa äußerte in der "Bild"-Zeitung (Donnerstag) starke Zweifel an der Argumentation der Mineralölunternehmen, lediglich steigende Beschaffungskosten weiter zu geben.
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HB DÜSSELDORF/MÜNCHEN/BERLIN. Unmittelbar vor den Ostertagen sind die Benzinpreise in Deutschland kräftig gestiegen und haben ein neues Jahreshoch erreicht. Die Mineralölkonzerne erhöhten den Preis für einen Liter Benzin auf durchschnittlich 1,27 Euro und für Diesel auf 1,09 Euro, das teilten Sprecher der Unternehmen gestern in Hamburg und Bochum mit. ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner sagte am gleichen Tag der Bild-Zeitung: "Die neuen Preise haben absolut keine Grundlage, denn die Konzerne sind meist gar nicht auf den Großmarkt angewiesen, sondern haben langfristige Lieferverträge. Sie nehmen eben jeden Cent mit, den sie kriegen können."

Auch der Automobilclub ADAC nannte die aktuellen Benzinpreise angesichts des Rohölpreisniveaus "deutlich überhöht".

Der ACE forderte das Kartellamt auf, sich in die Vorgänge auf dem deutschen Tankstellenmarkt einzuschalten. "Das Amt muss endlich klären, ob es verbotene Preisabsprachen gibt. Im vergangenen Jahr wurde den Verbrauchern eine Marktüberprüfung versprochen, aber Ergebnisse stehen bis heute aus." Verbandssprecher Hillgärtner forderte ein einheitliches Vorgehen gegen Energielieferanten. Wenn es möglich sei, den Strom- und Gasversorgern auf die Finger zu klopfen, müsse das auch bei den Mineralölkonzernen machbar sein.

Kräftiger Preisschub an den Tankstellen vor Ostern

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Das Ausmaß der jüngsten Preiserhöhungen war regional sehr unterschiedlich; in einzelnen Städten wie zum Beispiel Lübeck stiegen die Preise innerhalb kurzer Zeit um bis zu zehn Cent je Liter. In anderen Regionen waren es drei bis vier Cent.

Als Begründung nannten die Sprecher der beteiligten Unternehmen gestiegene Beschaffungskosten am europäischen Ölmarkt in Rotterdam. Dort seien die Preise für Benzin von rund 337 Euro im Februar und März auf 365 Euro je Tonne gestiegen. Beim Diesel sei der Einkaufspreis von 320 auf 348 Euro je Tonne gestiegen.

In den vergangenen Monaten bewegte sich der Benzinpreis an der Tankstelle überwiegend in einer relativ schmalen Bandbreite zwischen 1,17 und 1,23 Euro je Liter. Die Schwankungen an einzelnen Tagen könnten jedoch beträchtlich sein, sagte Aral-Sprecher Detlef Brandenburg. Das sei Ausdruck des intensiven Wettbewerbs.

Diesel habe sich seit Dezember zunächst verbilligt, weil die Heizöltanks der Verbraucher wieder gefüllt sind und die Nachfrage nach sogenannten Mitteldestillaten sich deutlich abschwächte. Zudem mache sich auch die Wirtschaftskrise bemerkbar; es würden weniger Güter transportiert und damit auch weniger Dieselkraftstoff verbraucht. Bislang schwankte der durchschnittliche Dieselpreis in diesem Jahr meistens zwischen 1,02 und 1,08 Euro je Liter. Der steuerliche Abstand von rund 17 Cent je Liter zum Benzin sei wieder hergestellt, nachdem Diesel im vergangenen Jahr zeitweise an der Tankstelle ebenso viel wie Benzin kostete.

Warum ist der Sprit freitags immer so teuer?

Auch nach Ansicht des ADAC kassieren de Mineralölkonzerne bei den Spritpreisen besonders zum Wochenende und bei Ferienbeginn ab. Einer aktuellen Untersuchung zufolge lagen die Preise für Benzin und Diesel im vergangenen Jahr an Montagen um mehr als drei Cent unter den Freitagspreisen, hatte der ADAC zum Wochenbeginn mitgeteilt. So habe ein Liter Benzin 2008 am Wochenbeginn im Schnitt 1,37 Euro gekostet, am Freitag dagegen 1,40 Euro. Ähnlich groß sei die Differenz beim Diesel.

"Die ADAC-Studie lässt erkennen, dass die Mineralölkonzerne mit ihrer Preispolitik vom meist höheren Verkehrsaufkommen und der damit verbundenen größeren Kraftstoffnachfrage zu Beginn des Wochenendes profitieren wollen. Dies führt - insbesondere auch bei Ferienreisewellen - oftmals zu einem regelrechten Abkassieren der Autofahrer", hieß es in der Mitteilung. Insgesamt funktioniere der Wettbewerb allerdings, da die Preise nach einer Anhebung auch schnell wieder bröckeln könnten.

Die Mineralölwirtschaft hatte die Vorwürfe wie üblich zurückgewiesen. Deutschland sei der wettbewerbsintensivste Tankstellenmarkt Europas, was sich unter anderem in mehr als 100 Preisbewegungen jährlich niederschlage. Dabei seien die Tankstellen bemüht, möglichst viele Kunden auf ihre Stationen zu ziehen und die Preise unter denen der Konkurrenz zu halten. Deshalb seien die Benzinpreise in Deutschland ohne Steuern mit die niedrigsten in Europa, sagte eine Sprecherin des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV).

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