Biker haben ein Nachwuchsproblem
Und die Blaskapelle spielt „Born to be wild“

Die einen sagen, dass es besser wird, andere meinen, dass es schlimmer kaum noch kommen könnte. Rund ums Motorrad herrscht derzeit ein Expertenstreit.

HB KÖLN. Zwar ist allen klar, dass der Nachwuchsmangel in den vergangenen Jahren ein großes Problem für die Hersteller war. Derzeit allerdings schwanken die Reaktionen auf das Thema zwischen Schönrederei auf der einen und dem Schmieden unterschiedlicher Pläne auf der anderen Seite. Im Endeffekt zeigen aber auch die Neuvorstellungen auf der Motorradmesse Intermot in Köln, dass die Branche nicht so wirklich weiß, wie sie Jugendliche wieder auf das einstige Rebellengefährt bringen will.

Will man dem Industrie Verband Motorrad (IVM) aus Essen Glauben schenken, dann sieht eigentlich alles bestens aus. Allein im ersten Halbjahr 2006 ist die Zahl der verkauften motorisierten Zweiräder in Deutschland um 2,1 Prozent auf 169 000 gestiegen. Am Rande nur wird erwähnt, dass vor allem Kleinkrafträder und leichte Roller mit einem Plus von 19 beziehungsweise 8,5 Prozent einen ordentlichen Anteil daran hatten - und nicht etwa die großen Motorräder.

IVM-Geschäftsführer Reiner Brendicke hebt aber auch hervor, dass zum Beispiel im August die Verkaufszahlen für Modelle mit mehr als 1 000 Kubikzentimetern Hubraum um elf Prozent zugenommen haben. Und ohnehin gebe es in Deutschland so viele Motorräder wie nie zuvor, nämlich rund 3,9 Millionen.

Die positive Einschätzung des Herstellerverbandes können jedoch nicht einmal die Hersteller nachvollziehen. So wies Honda Deutschland bei einer Veranstaltung am Vorabend der Messe darauf hin, dass man bereits 2005 ein rückläufiges Geschäft auch im Jahr 2006 erwartet habe, weil der Nachwuchs fehlt. Anders als der IVM erklärte Honda, dass die Zulassungszahlen 2006 bei den „richtigen“ Motorrädern auf dem deutschen Markt bis August um 4,4 Prozent zurückgegangen seien.

Und so stellen sich die Hersteller nicht erst seit heute die Frage, wie man den Nachwuchs wieder aufs motorisierte Zweirad bringen soll. Honda zum Beispiel hat als einer der ersten Hersteller speziell für Ein- und Weidereinsteiger konstruierte Maschinen angeboten.

Mittlerweile hat sich der japanische Hersteller genauer über seine Kundschaft informiert: Demnach wurde das Modell CBF 600 zu 44 Prozent von Menschen gekauft, die vorher kein Motorrad hatten. Auch der Altersschnitt der Fahrer bestimmter Modelle zeigt, dass der Handel kaum etwas mit Jugendarbeit zu tun hat: Die sportliche und „junge“ 600 RR wird noch von vergleichsweise jungen Menschen mit einem Durchschnittsalter von 31 Jahren bewegt. Ein Mittelklasse-Chopper dagegen hat einen im Schnitt 47 Jahre alten Besitzer.

Die Folge ist, dass die Motorradhersteller als einstige Trendsetter heute Töne anschlagen müssen, die zum Standardprogramm beim Werben um die Jugend gehören. Dabei geraten sie jedoch manchmal mit den alten Geschichten durcheinander. So wurde bei Suzuki im Rahmen der Vorstellung eines neuen Burgman-Rollers nicht vergessen, den Begriff Lifestyle unterzubringen, was allerdings nur mit projizierten Bildern von Gepäckfächern untermalt werden konnte. Zu fragen ist auch, ob es in Punkto jugendliches Image hilfreich war, im Rahmen der Präsentationen eine - zugegeben junge - Blaskapelle den Rocker-Klassiker „Born to be wild“ spielen zu lassen.

Doch nicht nur die großen japanischen Massenhersteller suchen den Nachwuchs. Auch scheinbar unantastbare Klassiker wie Harley-Davidson kommen nicht ohne Schrammen am Thema vorbei. Zwar kann der US- amerikanische Hersteller nicht über schlechte Geschäfte klagen. Doch die Kundschaft zeichnet sich oft durch Bart und Bauch aus. Also haben Manager Bill Davidson und seine Leute lange überlegt, wie sie junge Kunden oder auch Frauen für ihr Schwermetall interessieren können.

Herausgekommen ist dabei etwas, das sich tatsächlich vom eher behäbigen US-Stil unterscheidet: Die Xr1200 orientiert sich an der Rennmaschine Xr750, die in dem in Deutschland kaum bekannten „Dirt Track“-Rennsport eingesetzt wird. Tatsächlich ist das noch als Studie bezeichnete Zweirad schon optisch Meilen von der typischen Harley entfernt. Es zeigt sich schmal und alles andere als überladen.

Entwickelt wurde das Modell laut Bill Davidson vor allem für den europäischen Geschmack - und eben auch für mögliche Nachwuchsfahrer. Allerdings will man nun erstmal schauen, was der Wunschkunde von dem Prototypen hält. Laut Davidson wird die Marktreaktion entscheiden, ob das 63 kW/85 bis 66 kW/90 PS starke Zweirad tatsächlich auf die Straße kommt.

Vielleicht hat der ersehnte Neu- oder Wiedereinsteiger inzwischen aber auch ganz andere Vorlieben entdeckt. Schließlich gibt es einige Kleinserienhersteller, die Neues wagen. So hat das Unternehmen GG Motorradtechnik aus der Schweiz die Themen Sportmotorrad und Quad vereint. Premiere hat auf der Intermot in Köln der GG Quadster, der mit einem 123 kW/167 PS starkem BMW-Motorradmotor und 225 Stundenkilometern Spitze aufregende Fahrerlebnisse verspricht - und eine kräftige Prise Rebellentum gibt es bei so einem Fahrzeug quasi ab Werk. 40 000 Euro sollte der Interessent aber auf dem Konto haben.

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