Bilanz des Blitz-Marathon
„Jetzt fahren die ja extra langsam“

Ob von Kindern im Ruhrgebiet, von Polizeiprofis bei Hannover und in Stuttgart, oder in Minister-Anwesenheit: Beim lange angekündigten Blitz-Marathon erwischt zu werden, war für einige Fahrer besonders peinlich.
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DüsseldorfBeim zweiten bundesweiten Blitz-Marathon, den die Polizei heute Morgen um 6 Uhr offiziell beendete, sind erneut tausende Autofahrer zu schnell in die Tempokontrollen gerast. Spitzenreiter war laut Zwischenbilanz ein Fahrer in Reutlingen (Baden-Württemberg), der mit Tempo 238 statt der erlaubten 100 Stundenkilometer unterwegs war. In Brandenburg wurde auf der A2 zwischen Netzen und Lehnin ein Autofahrer mit 219 statt der erlaubten 120 Stundenkilometer gemessen.

Bei der breiten Masse der Autofahrer zeigten die Ankündigungen der Großaktion aber Wirkung. Sie seien deutlich langsamer als sonst unterwegs gewesen, berichtete stellvertretend die Berliner Polizei am Donnerstag. An fast 7.500 Stellen im gesamten Bundesgebiet wurde geblitzt und gelasert. Mehr als 13.000 Polizisten waren im Einsatz.

In Nordrhein-Westfalen waren auch Kinder bei den Kontrollen im Einsatz: An einer Schule in Düsseldorf ertappte ein Junge seine eigene Mutter, die zu schnell im verkehrsberuhigten Bereich unterwegs war. Auch eine Lehrerin durfte sich von ihren Schülern wegen zu schnellen Fahrens Einiges anhören.

In Münster berichtete ein Vater gegenüber den Beamten, dass er seinem Sohn am Morgen noch einen Warnzettel auf den Tisch gelegt habe: „Halte Dich an die Geschwindigkeit, es ist Blitz-Marathon!“ Der Vater war dann mit 130 statt erlaubten 100 Stundenkilometern erwischt worden.

Es gehe nicht darum, möglichst viele Bußgelder zu verhängen, sondern darum, die Autofahrer zu langsamerer Fahrweise zu bewegen, betonte Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD), der auch Vorsitzender der Innenministerkonferenz ist. „Das schönste wäre, wenn heute kein einziger ein Knöllchen kriegen würde, sondern alle mal reflektieren, was wir tun“, sagte er. „Wir wollen die Köpfe erreichen, nicht die Portemonnaies.“

Mit dem Blitzlicht-Gewitter reagiert die Polizei in diesem Jahr auch auf die Trendwende, die sich bei der Zahl der Verkehrstoten abzeichnet. Nach jahrzehntelangem Rückgang war im ersten Halbjahr dieses Jahres ein Anstieg bei den Todesopfern registriert worden.

Das Konzept überzeuge immer mehr, sagte Jäger. „Auch in Polen, auch in Frankreich, sogar in Australien“, erläuterte er. In Nordrhein-Westfalen durften dieses Mal Kinder die Messstellen vorschlagen. Fast 18 000 Kinder und Jugendliche hätten sich beteiligt und mehr als 3000 Stellen angeregt. Sie verteilten selbst gebastelte „Denkzettel“ an die Autofahrer.

In Essen im Ruhrgebiet geriet am Morgen eine Autofahrerin prompt in Anwesenheit des Ministers mit Tempo 59 statt 30 in die Tempofalle. Weil Kinder das Messgerät bedienten, kam sie um 120 Euro Bußgeld herum, aber nicht um eine eindringliche Ermahnung.

Bei Twitter rangierte das Stichwort #Blitzmarathon am Donnerstag schnell auf Platz eins der Topthemen: „Extra noch schnell beim Friseur gewesen, falls es blitzt“, hieß es etwa. Oder: „Kinder belohnen langsame Autofahrer mit Süßigkeiten. Ich dachte, die sind um diese Zeit in der Schule.“

Die Ermahnung durch die Polizei wollte sich ein 46-jähriger Raser bei Essen ersparen, indem er auf der Autobahn 52 Gas gab, anstatt anzuhalten. Er fuhr der Polizei über den Standstreifen davon, bis er in eine Leitplanke krachte. Er blieb unverletzt.

Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), verteidigte den Blitz-Marathon: „Die Wahrheit ist: Wenn die Polizei nicht blitzt, sterben mehr Menschen!“
Kritik am Blitz-Marathon kam von der Gewerkschaft der Polizei (GdP): Deren Bundesvorsitzender Oliver Malchow sprach von „einer PR-Aktion ohne nachhaltigen Effekt auf die Verkehrssicherheit“. Der „Passauer Neuen Presse“ sagte Malchow: „Es reicht eben nicht, Blitzer aufzustellen.“

Auch Siegfried Brockmann, führender Unfallforscher vom Gesamtverband der Versicherer, zeigte sich skeptisch: Verkehrssünder mit dauerhaftem Bleifuß erreiche man nur über dauerhaften Kontrolldruck. Er kritisierte aber, dass Tempokontrollen als „Abzocke“ bezeichnet würden. „Dieses Wort ist so unsäglich, weil es die Polizei als die Schurken darstellt und Temposündern eine Legitimation bis weit in Kreise hinein verschafft, die eigentlich ganz gesetzeskonform fahren.“

In Essen hatte am Donnerstag der zehnjährige Thorben (10) vor seiner Realschule in Essen ein Lasermessgerät bedienen dürfen. „Da ist so ein roter Punkt. Mit dem muss ich auf das Nummernschild zielen“, sagte er. Und dann abdrücken. „Mist, nur 25!“ Der Junge war offensichtlich enttäuscht. Er und neun weitere Schulkameraden zählten zu den mehr als 3.000 so genannten Messpaten, die in Nordrhein-Westfalen beim Blitz-Marathon aktiv mitmachen durften. Seine Erkenntnis: „Wenn wir jetzt alle hier stehen, fahren die ja lieber extra langsam. Die sind ja nicht blöd.“

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
Frank G. Heide
Frank G. Heide
Handelsblatt / Redakteur Auto + Motor

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  • Ich bin an diesem Tag 400 km überwiegend Autobahn gefahren und es war so entspannt wie selten. Keine Drängler, keine Raser. Danke, bitte öfter so.

  • Ich begrüße grundsätzlich Aktionen, die in großem Stil auf Fehlverhalten aufmerksam machen. Wie nachhaltig Sie auch sein mögen. Ich fahre, auch beruflich bedingt, ca. 40Tkm - 50Tkm im Jahr und meine Erfahrung ist, dass sich das Fahrverhalten in den letzten 20 Jahren umgekehrt hat. Wurde in den 80gern und vor allem 90ger Jahren noch mit aufblitzendem Fernlicht das Fahrzeug mit Topspeed über die Autobahn gejagt, so sind es heute „Spritsparer“ und Dauerschleicher , die Tempomat gesteuert mit Tempo 100km/h auf den Autobahnen und mit Tempo 80km/h die Straßen „zu“ machen. Dieses Fahrverhalten ist verkehrsbehindernd und kann ebenfalls mit einem Bußgeld belegt werden. Generell würde ich daher Aktionen begrüßen die für die Einhaltung der Verkehrsregeln aufmerksam machen. Dies gilt auch für ein angepasstes Fahren innerhalb der erlaubten Geschwindigkeit.

  • Es geht hier ganz klar um Abzocke, sonst würden sich die Polizisten doch nicht mit ihren Messgeräten im Gebüsch verstecken. Das ist Wegelagerei. Normal gehört es sich das in den 30er Zonen und Ortschaften geblitzt wird, wo es wirklich gefährlich ist.
    Bestes Beispiel für die Abzocke: Unsere Straße ist 30er Zone sie ist kurvig und uneinsichtig, Kinder spielen in den Einfahrten, jeder fährt zu schnell. Die Polizei hat noch nie geblitzt.
    Dagegen die Hauptstraße eine lange Gerade mit anschließend langgezogenen Kurven die gut einsehbar sind. Tempolimit 70, dort wird regelmäßig geblitzt Und zwar so, dass man den Polizeibeamten ja nicht sieht.

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