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Boom von Autobahnkirchen in Deutschland

„In der Kirche himmlische Ruhe tanken, wenn auf der Autobahn die Hölle los ist“: Mit diesem Motto will die Gemeindekirche Brumby in Sachsen-Anhalt möglichst bald zur Autobahnkirche werden.

dpa MAGDEBURG. „In der Kirche himmlische Ruhe tanken, wenn auf der Autobahn die Hölle los ist“: Mit diesem Motto will die Gemeindekirche Brumby in Sachsen-Anhalt möglichst bald zur Autobahnkirche werden.

Immer mehr solcher Kirchen gibt es in Deutschland, und sie werden immer stärker besucht, vor allem zur Ferienzeit. Beim kirchennahen Versicherungsverein „Bruderhilfe“ in Kassel, der für die Betreuung der Autobahnkirchen zuständig ist, spricht man inzwischen von einem Boom. „Anfang der 90er Jahren gab es in Deutschland maximal acht Autobahnkirchen, heute sind es 30, Tendenz aufwärts“, sagt Mitarbeiterin Birgit Krause und wundert sich selbst ein wenig.

Denn warum so viele Gotteshäuser den Status Autobahnkirche erhalten wollen, können sich auch die Verantwortlichen nur vage erklären. „In den neuen Bundesländern hoffen die Kirchenoberen auf höhere Besucherzahlen in ihren als Gemeindekirchen genutzten, oft historisch wertvollen Häusern und insgeheim vielleicht auch auf mehr Fördergelder“, vermutet Krause. Anders im Westen. Dort wurden die meisten Gotteshäuser am Rande der Standspur ausschließlich zum Zweck der inneren Einkehr für Reisende gebaut.

Die erste Autobahnkirche wurde im Oktober 1958 eingeweiht und liegt in Bayern an der A acht Stuttgart-München, Ausfahrt Adelsried. Nach einem Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang stiftete die betroffene Augsburger Fabrikantenfamilie in Höhe der Unglücksstelle ein Stück Land und den Rohbau der katholischen Kirche, damit dort künftig zum Schutz der Reisenden gebetet werden sollte.

Der Trend nach der Devise: Auftanken nicht nur an der Zapfsäule, setzt sich bis heute durch. Auch zu Festen wie am 24. Juli, dem Gedenktag des Heiligen Christopherus, Schutzpatron der Reisenden, können die Pastoren mit großem Zulauf rechnen und haben diesen Tag deshalb zum deutschlandweiten Aktionstag der Autobahnkirchen ausgerufen. Dann gibt es überall Andachten und der Reisesegen wird erteilt.

An solche Kirchen hatte die Rockgruppe Kraftwerk einst sicher nicht gedacht, als sie ihren Song „Wir fahr'n, fahr'n, fahr'n auf der Autobahn“ komponierte. Und mittlerweile scheint dieses Lied auch wirklich veraltet. Egal ob West oder Ost, katholisch, evangelisch oder ökumenisch: „In unserer hektischen Zeit wächst die Sehnsucht der Menschen nach Stille“, haben Krause und viele Pastoren festgestellt, die in der eigens gegründeten Konferenz der Autobahnbahnpfarrer organisiert sind.

Sie treffen sich einmal im Jahr, beschließen neue Projekte, arbeiten an einer Hosentaschenbibel und aktualisieren verschiedene Publikationen, zum Beispiel den Autobahnwanderführer „stop and go“ und eine Art Highway-Gesangbuch mit dem Titel „Gebete und Lieder für unterwegs“.

Sie sind es auch, die für neue Autobahnkirchen zuständig sind und grünes Licht für die Gebetsmöglichkeit jenseits der Leitplanke geben, denn die Richtlinien für Autobahnkirchen sind streng. Unter anderem muss eine solche Kirche eine direkte Anbindung an eine Autobahnausfahrt haben, vom Platzangebot her auch für den Besuch von Reisegruppen geeignet sein, über Parkplätze und sanitäre Anlagen verfügen und mindestens von 8.00 bis 20.00 Uhr geöffnet sein.

Fast alle Voraussetzungen hat die St. Petri-Kirche im sachsen- anhaltischen Brumby erfüllt, als den zuständigen Pfarrer Eggebrecht jetzt ein Schreiben des Bundesverkehrsministeriums erreichte. Statt 1 000 Meter liege die romanische Kirche knapp zwei Kilometer von der Autobahn entfernt und damit zu weit, wurde kritisiert. Scheitern wird Eggebrechts Wunsch, seine wunderschöne Kirche einem größeren Publikum zugänglich zu machen, wahrscheinlich dennoch nicht. Birgit Krause vom „Bruderhilfe“-Verein verspricht sich für die Kirche stark zu machen: „Wir wollen nicht päpstlicher sein als der Papst.“ Sachsen-Anhalt würde in Sachen Tankstellen für die Seele mit vier Autobahnkirchen dann bald einen deutschen Spitzenplatz einnehmen.

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