Buchkritik „Bernie“: Auf Tuchfühlung mit dem Formel-1-Diktator

Buchkritik „Bernie“
Auf Tuchfühlung mit dem Formel-1-Diktator

Vom sehbehinderten Arbeiterkind zum Milliardär. Der Aufstieg des kleinen Bernhard Charles Ecclestone zum allmächtigen Formel 1-Impressario verlief nicht ohne Skandale. Und seine Biografie macht ihn nicht sympathischer.
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DüsseldorfWenn kleine Männer ganz nach oben wollen, nimmt ihr Aufstieg bisweilen skurrile Züge an. Zumindest aus der Außenperspektive hat der Lebensweg des mittlerweile 82-jährigen Formel 1-Chefs Bernie Ecclestone („1,60 m ohne Schuhe“) einiges mit Napoleons Werdegang gemeinsam. Die Biographie „Bernie“ von Susan Watkins bietet auf etwas mehr als 400 Seiten eine fast intime Sicht auf den Paten der Formel 1. Watkins ist die Ehefrau des ehemals leitenden Formel-1-Rennarztes Sid Watkins und seit 30 Jahren mit Ecclestone befreundet. Sie bemüht sich redlich, den Menschen hinter dem Macher zu porträtieren. Und der ist unbestritten ein extrem erfolgreicher Geschäftsmann und eine der schillerndsten Figuren im Motorsport. Man darf wohl sagen, dass der Formel 1-„Zirkus“ diese Bezeichnung wohl in erster Linie seinem Wirken verdankt.

Wer einen breit angelegten Mix aus Fakten, Klatsch, Heldenverehrung und Geschichtsstunde mag, dem bietet diese Biografie ein paar vergnügliche Stunden. Sie verhält sich umgekehrt zum klassischen Krimi, denn der Leser weiß, wie es ausgeht, will aber wissen, wie alles angefangen hat. Gab es also beim sehbehinderten Kind aus der englischen Provinz, das mit 16 die Schule schmiss, frühe Anzeichen, das es später zum Mehrfach-Milliardär wird? Watkins anwortet mit Ja und Nein.

Soviel sei vorab verraten: Wenn Ihnen das als Leseanspruch nicht genügt und Sie zu den kritischeren Zeitgenossen gehören: lassen Sie es. Die Autorin unternimmt viele stundenraubende Ausflüge zu Nebenschauplätzen und in die Historie, die weder dem Lesefluss, noch der Personenbeschreibung Ecclestones zugute kommen.

Und gerade ihre persönliche Nähe bzw. Freundschaft mit dem Porträtierten verhindert ein ums andere mal, dass sie die (schmutzigen) Dinge klar beim Namen nennt. Sie bleibt einiges an klaren Beweisen und Fakten schuldig, die man hätte erwarten dürfen. Sicher ist, Mrs. Watkins hat sich mit ihrem Buch für weitere Biographien empfohlen, gut vorstellbare Kandidaten wären: Silvio Berlusconi, Wladimir Putin, Sepp Blatter.

Hat man sich einmal auf den für eine Biographie ungewöhnlich ausufernden Erzählstil eingelassen, muss man den Kauf aber nicht komplett als wirtschaftlichen Verlust verbuchen. Die teilweise unfreiwillige Komik und immer wieder liebenswerte Naivität der Autorin in Bezug auf ihren Freund Bernie tragen vielleicht mehr dazu bei, Ecclestones Charakter begreifbar darzustellen, als eine professionell-distanzierte Annäherung dies leisten kann.

Interessant wird es immer, wenn ehemalige und derzeitige Weggefährten aus dem Nähkästchen plaudern. Dann wird klar, hier hat jemand eine solche Machtfülle, dass er nach Belieben Karrieren zerstören oder fördern kann.

Die Befragten werden nicht müde Bernie zu preisen und Kritik kommt nur als Selbstkritik vor, im Sinne von: "Selbst schuld, wenn ich mich von Bernie Ecclestone besch...en lasse."

Nur dezent wird Ecclestones Verhältnis zu Frauen behandelt. Was in der Klatschpresse seit Jahren für genüsslich ausgebreitete Fotostrecken sorgt, scheint Watkins eher uninteressant zu finden. Mit unglaublicher Naivität akzeptiert sie die Gedächtnislücken des angeblich doch sonst so brillanten, merkfähigen Lenkers eines unglaublich verschachtelten Firmenimperiums: „Ich kann mich nicht erinnern, wo ich meine erste Frau getroffen habe“.

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"Es muss die Wahrheit sein"

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