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Buchkritik „Bernie“: Auf Tuchfühlung mit dem Formel-1-Diktator

Vom sehbehinderten Arbeiterkind zum Milliardär. Der Aufstieg des kleinen Bernhard Charles Ecclestone zum allmächtigen Formel 1-Impressario verlief nicht ohne Skandale. Und seine Biografie macht ihn nicht sympathischer.

Bernie Ecclestone mit seinen Töchtern Petra und Tamara im Juni 2005. Quelle: ddp images/GHATORA JAG/SIPA
Bernie Ecclestone mit seinen Töchtern Petra und Tamara im Juni 2005. Quelle: ddp images/GHATORA JAG/SIPA

DüsseldorfWenn kleine Männer ganz nach oben wollen, nimmt ihr Aufstieg bisweilen skurrile Züge an. Zumindest aus der Außenperspektive hat der Lebensweg des mittlerweile 82-jährigen Formel 1-Chefs Bernie Ecclestone („1,60 m ohne Schuhe“) einiges mit Napoleons Werdegang gemeinsam. Die Biographie „Bernie“ von Susan Watkins bietet auf etwas mehr als 400 Seiten eine fast intime Sicht auf den Paten der Formel 1. Watkins ist die Ehefrau des ehemals leitenden Formel-1-Rennarztes Sid Watkins und seit 30 Jahren mit Ecclestone befreundet. Sie bemüht sich redlich, den Menschen hinter dem Macher zu porträtieren. Und der ist unbestritten ein extrem erfolgreicher Geschäftsmann und eine der schillerndsten Figuren im Motorsport. Man darf wohl sagen, dass der Formel 1-„Zirkus“ diese Bezeichnung wohl in erster Linie seinem Wirken verdankt.

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Die frühen Jahre

  • Brillenschlange im Matriarchat

    Bernard Charles Ecclestone wird am 28. Oktober 1930  in St. Peter, Suffolk, England geboren.

    Sein Vater, ein Fischer ist berufsbedingt oft lange abwesend und so wächst der Stammhalter in einer Art Matriarchat auf. Großmutter Rose Wesley führt das Regiment gemeinsam mit Mutter Bertha.

    Diese erkennt 1932 erschrocken, dass mit der Sehkraft ihres Sohnes etwas nicht stimmen kann. Eine Augenuntersuchung ergibt: Die Netzhaut des rechten Auges ist unterentwickelt, was fast zu einer einseitigen Blindheit führt und das Tragen einer Brille von frühester Kindheit an nötig macht.

  • Umzug und Krieg

    1936 zieht die Familie nach Dartford, Kent, an den Rand Londons. Sein Vater gibt das Leben als Fischer auf, hoff auf eine Anstellung als Kranführer in der örtlichen Maschinenfabrik und Gießerei.

    Klein-Bertie geht in die Grundschule und verdient sein erstes Geld als Zeitungsausträger. Nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges bietet die Kartoffel- und Obsternte eine weitere Einnahmequelle.

    Obwohl zu dieser Zeit fast alle Schulen Fahrten aufs Land organisieren, damit die Schüler als Ersatz für die im Krieg kämpfenden Landarbeiter eingesetzt werden können, weiß die Biografin zu berichten, dass Bernie nie an den Schulausflüge teilnimmt, - weil es ihm grundsätzlich ums Geld geht.

  • Früh übt sich

    Gewinn zu machen, ist denn auch der Ansporn für den jugendlichen Bernie, einen schwungvollen Kuchenverkauf auf dem Schulhof aufzuziehen. Die Antwort darauf, wie es einem Jugendlichen im Krieg bei rationierten Lebensmittelzuteilungen gelingt, dem örtlichen Bäcker angeblich sämtliche Kuchen abzukaufen um sie dann gewinnbringend an seine Schulkameraden zu verkaufen, bleibt die Autorin dem Leser schuldig.

    Nur soviel verrät sie: Es kommt Bernie nie in den Sinn, selbst einen der Kuchen zu essen. Das ist ja sein Gewinn, und damit heilig.

  • "Titch" und seine Gang

    Während seine Mitschüler in die Höhe schießen, will Bernie einfach nicht größer werden. Schulfreunde nennen ihn“ Titch“ (Winzling). All zu viele sind es nicht, denn sein Verdienst als „Backwarenunternehmer“ macht es nötig sich mit einer Beschützerbande zu umgeben, die aus älteren Mitschülern besteht. Damit ist das Problem seiner geringen Körpergröße (1,60 ohne Schuhe), das ihn zusätzlich zur Brille den Schikanen der anderen Schüler aussetzt, beseitigt.

  • Motorradhandel ohne Führerschein

    Im Alter von 15 Jahren schmeißt Titch die Schule. Er hat seiner Meinung nach genug gelernt, und will nur eins: Geschäfte machen, Gewinn erzielen.
    Besonders viel Entscheidungsgewalt scheinen seine Eltern zu diesem Zeitpunkt nicht mehr auszuüben. Dennoch kann sein Vater ihm abringen, zwei Jahre im Labor der Gaswerke von Dartford zu arbeiten. Das dort installierte Telefon nutzt er nach dem Motto "Verwende anderer Leute Geld", und bringt einen florierenden Motorradhandel in Gang.
    Zu dieser Zeit beginnt er auch trotz seiner Sehbehinderung an Motorradrennen teilzunehmen. Den Erwerb eines entsprechenden Führerscheins hält er für unnötig, besorgt sich aber einen Autoführerschein.

  • Steiler Aufstieg

    1948 muss er die Gaswerke von Danford verlassen. Fortan arbeitet Bernie zunächst als Motorradverkäufer, später als Gebrauchtwagenhändler. Schon bald gehören ihm die Unternehmen seiner ehemaligen Arbeitgeber, dem einen kauft er seine Anteile ab, das andere kauft er gleich komplett. So ganz nebenbei handelt er mit Immobilien und auch seine eigenen Häuser werden, wie seine Autos, immer wertvoller.

  • Verbindung zur Unterwelt

    Mit dem Erwerb der James Spencer Ltd. konzentriert sich Ecclestone endgültig auf den Handel mit Autos. Doch wie schon beim Kuchenverkauf in seiner Jugend, braucht er „tatkräftige“ Unterstützung. So bekommt sein Verkaufsleiter und rechte Hand Les Underwood, „hin und wieder“ Unterstützung von Jack „Spot“ Corners Leuten, einem der einflussreichsten Kriminellen und Unterweltkönig der 1950er Jahre.

  • Der Windhund der Warren Street

    Für jeden der mit Autos handelt, ist die Londoner Warren Street das Zentrum, der Umschlagplatz für Autos schlechthin. Eine, wie die Autorin bemerkt, „natürliche Umgebung für die Zwielichtigsten der Zwielichtigen. Um hier Autos verkaufen zu dürfen, musste man „bekannt“ sein oder einen Bürgen haben.
    Bernhard Charles Ecclestone wird so erfolgreich und bekannt in der Gegend, dass er bald den Spitznamen „Whippet“ (nach dem gleichnamigen Windhund) trägt. Zitat: „Sogar einschüchternd“, „selbst die alteingesessenen Händler hatten Angst vor Bernhard“, „erinnert sich John Young“(damals ebenfalls in der Warren Street tätig), „bei dem alleine der Name Warren Street körperliches Unwohlsein auszulösen scheint“.

Wer einen breit angelegten Mix aus Fakten, Klatsch, Heldenverehrung und Geschichtsstunde mag, dem bietet diese Biografie ein paar vergnügliche Stunden. Sie verhält sich umgekehrt zum klassischen Krimi, denn der Leser weiß, wie es ausgeht, will aber wissen, wie alles angefangen hat. Gab es also beim sehbehinderten Kind aus der englischen Provinz, das mit 16 die Schule schmiss, frühe Anzeichen, das es später zum Mehrfach-Milliardär wird? Watkins anwortet mit Ja und Nein.

Soviel sei vorab verraten: Wenn Ihnen das als Leseanspruch nicht genügt und Sie zu den kritischeren Zeitgenossen gehören: lassen Sie es. Die Autorin unternimmt viele stundenraubende Ausflüge zu Nebenschauplätzen und in die Historie, die weder dem Lesefluss, noch der Personenbeschreibung Ecclestones zugute kommen.

Und gerade ihre persönliche Nähe bzw. Freundschaft mit dem Porträtierten verhindert ein ums andere mal, dass sie die (schmutzigen) Dinge klar beim Namen nennt. Sie bleibt einiges an klaren Beweisen und Fakten schuldig, die man hätte erwarten dürfen. Sicher ist, Mrs. Watkins hat sich mit ihrem Buch für weitere Biographien empfohlen, gut vorstellbare Kandidaten wären: Silvio Berlusconi, Wladimir Putin, Sepp Blatter.

Formel 1-Chef Bernie Ecclestone und Max Mosely, Präsident des Internationalen Automobilverbandes FIA in London im Jahr 2002. Quelle: AFP
Formel 1-Chef Bernie Ecclestone und Max Mosely, Präsident des Internationalen Automobilverbandes FIA in London im Jahr 2002. Quelle: AFP

Hat man sich einmal auf den für eine Biographie ungewöhnlich ausufernden Erzählstil eingelassen, muss man den Kauf aber nicht komplett als wirtschaftlichen Verlust verbuchen. Die teilweise unfreiwillige Komik und immer wieder liebenswerte Naivität der Autorin in Bezug auf ihren Freund Bernie tragen vielleicht mehr dazu bei, Ecclestones Charakter begreifbar darzustellen, als eine professionell-distanzierte Annäherung dies leisten kann.

Von den wilden 60ern bis zur FOCA-"Übernahme"

  • Swinging Sixties

    In den 60er Jahren tut Ecclestone, was die meisten Leute mit Geld tun: feiern. Schnell findet er Geschmack am Jet-Set-Lifestyle und dem Umgang mit Prominenten. Auch seine Spielleidenschaft kannte er in dieser Phase zügellos ausleben. Ob Hunderennen oder Karten, Bernie geht aufs Ganze.

    Ende der 60er trifft er dann die Entscheidung, die sein ganzes restliches Leben beeinflussen soll: Er entscheidet sich, ein Formel 1-Team zu kaufen.

  • Brabham – Team Bernie

    Anfang der 70er Jahre ist es endlich soweit, nach zähen Verhandlungen ist Ecclestone Besitzer des Brabham-Rennstalls. Zur gleichen Zeit trennt er sich von seinem Gebrauchtwagenimperium. Ohnehin ist gerade die britische Mehrwertsteuer eingeführt worden, und Ecclestone hat „keine Lust als Steuereintreiber“ zu arbeiten.

  • "Formel Bernie"

    Damit beginnt Bernies unaufhaltsamer Aufstieg in der Formel 1, die bereits ab den späten 80er Jahren, hinter vorgehaltener Hand, "Formel Bernie" genannt wird.

    Nicht zuletzt weil sich Ecclestone 1988 von seinem Rennstall Brabham trennt, um sich voll und ganz auf die Medien- und Vermarktungsrechte der Formel 1 konzentrieren zu können.

  • Einigkeit macht stark

    Mit der Übernahme der Kontrolle über die Formula One Constructors Organisation (FOCA), gelingt Bernie ein weiterer Coup. Bis dahin ist die Formel 1 ein weitgehend ungeordneter Haufen, wo jedes Team für sich selbst die Konditionen für das Startgeld und die Siegprämien verhandelt.

    Um die Veranstalter davon zu überzeugen, das Geld fair zu verteilen, muss er alle Teams hinter sich wissen, quasi als Paket anbieten können. Keine leichte Aufgabe ...

  • Umwälzende Veränderungen

    Neben der finanziellen Umstrukturierung, der besseren medizinischen Versorgung und Sicherheit ist Ecclestone nun auch für die Verbesserung der Boxeneinrichtungen, die Zutrittsgenehmigungen, die Streckensicherheit, und die Vereinheitlichung der technischen Abnahme verantworltich. Damit nicht genug, kommt die Einführung der Aufwärmrunde, die Startampel und die festgelegte Zahl der Wagen am Start hinzu, die er ebenfalls festlegt.

  • Der Netzwerker

    Selbstverständlich spielen beim kontinuierlichen Machtausbau und den enormen Veränderungen der F1 die engen persönlichen Beziehungen zu Teamchefs und Herstellern wie zu Enzo Ferrari eine wichtige Rolle. Zum ersten Mal gibt es aber auch so etwas wie eine Struktur im teuersten und prestigeträchtigsten Motorsport, die tatsächlich erfolgversprechend ist.

    Alle spielen die gleiche Musik und der Dirigent heißt Bernie Ecclestone.

  • Das ideale Paar

    Neben seiner Ernennung zum Präsidenten der FOCA markiert das Jahr 1978 einen weiteren Meilenstein für Ecclestone und die Formel 1. Als eine seiner ersten Amtshandlungen ernennt er Max Rufus Mosley zum Rechtsbeistand der FOCA. Damit findet sich eines der ungewöhnlichsten und dominantesten Paare des Motorsports überhaupt.

Interessant wird es immer, wenn ehemalige und derzeitige Weggefährten aus dem Nähkästchen plaudern. Dann wird klar, hier hat jemand eine solche Machtfülle, dass er nach Belieben Karrieren zerstören oder fördern kann.

Die Befragten werden nicht müde Bernie zu preisen und Kritik kommt nur als Selbstkritik vor, im Sinne von: "Selbst schuld, wenn ich mich von Bernie Ecclestone besch...en lasse."

Nur dezent wird Ecclestones Verhältnis zu Frauen behandelt. Was in der Klatschpresse seit Jahren für genüsslich ausgebreitete Fotostrecken sorgt, scheint Watkins eher uninteressant zu finden. Mit unglaublicher Naivität akzeptiert sie die Gedächtnislücken des angeblich doch sonst so brillanten, merkfähigen Lenkers eines unglaublich verschachtelten Firmenimperiums: „Ich kann mich nicht erinnern, wo ich meine erste Frau getroffen habe“.

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