Bugatti Veyron-Grand-Sport
Höchste Potenz

Ein Tritt aufs Pedal, und der Körper erstarrt vor Angst. 2, 5 Sekunden, und der Körper ist auf 100 km/h katapultiert. Der neue Bugatti Veyron-Grand-Sport legt rasende Eifersucht, wütende Missgunst und meist uneingestandene Begierden gnadenlos offen. Ein Selbstversuch.

HB. Nehmen Sie einfach den ersten Gang!“ Pierre-Henri Raphanel versucht, die Aufforderung möglichst harmlos, als neckischen Tipp zu verpacken. Der Ex-Formel-1-Pilot und jahrelange Rennfahrer bei den 24 Stunden von Le Mans fühlt sich degradiert: zu meinem Beifahrer in „seinem“ brandneuen Bugatti Veyron Grand Sport. Vielsagend lächelt mich der „pilot officiel“ der französischen Nobelmarke an.

Der erste Gang – das ist für den gemeinen Autolenker die Garantie für solides, schadenfreies Anfahren. Beim Bugatti aber ist er der übergangslose, ultimative Nonplusultra-Knüppel. Ein Tritt aufs Pedal und in Nanosekundenschnelle erstarrt der Körper vor Angst. „Alarmstufe I“ sendet das zuckende Hirn aus, das Herz stellt sich tot. Der Atem stockt, der kalte Schweiß schießt durch alle Poren – nach 2,5 Sekunden ist der Körper bereits auf 100 km/h katapultiert – und die Welt außerhalb des silberfarbenen Bugatti verschwimmt wie ein trübes Bild von Gerhard Richter. In unscheinbares Grau. Gleitsichtbrillen sind sowieso fehl am Platz.

Einmal nur berührt, schon ist alles passiert. Mit vollem Schub schon bei der ersten Berührung presst der zwei Tonnen schwere Abhang-Jäger aus Aluminium, Titan und Kohlenstofffaser sofort seine 1 001 PS zu Boden, die Heckflügel erigieren sofort. Pierre-Henri lächelt jetzt schon süffisant. Denn der hart zurückstoßende, hügelige Boden ist die holprige Betonpiste des Highway 1 bei Monterey in Kalifornien. Die Piste fühlt sich an wie der Acker des Flugplatzes von Jaroslawel, ex-UdSSR. Hier in Monterey, USA, aber wurde Jimi Hendrix („Voodoo Child“) mit einem einzigen Konzert berühmt, und seine früheren Fans pflügen jetzt als milliardenschwere Rentner getarnt mit greisentypischem Elan die Golfplätze um.

Im Veyron sitzt man heiß und hart, tief in rostrotem Kalbsleder versenkt wie in einer Zeitbombe. Durch das minimale Rückfenster erblickt man kein hinten, keine Verkehrsteilnehmer. Man starrt auf ein mächtiges Ungeheuer von Motor, das lauthals aus der Karosserie herausbrechen will.

Wer nur wenig von der Korrelation zwischen Kraft, Gewicht und Geschwindigkeit versteht, und für den das maximale Drehmoment ewiges Geheimnis bleiben wird, der ist bei der rastlosen Jagd durch Montereys Hügel versucht, an Voodoo zu denken. Denn diese elegante französische Rakete verführt zu abenteuerlichen Beschleunigungsexzessen, die keinem noch so schnellen Jet nachstehen, aber völlig easy von der Hand gehen. Dabei ist das menschliche Sensorium, das an der unmittelbaren Umgebung geeicht ist, der ungestümen Kraft des Bugatti im Unterschied zum Fliegen längst nicht mehr gewachsen. Starten Flieger in aller Regel im frei geholzten Umfeld nur geradeaus, lauern auf den Zubringern des Highway 1 unzählige arglistige Bäume auf nähere Bekanntschaft.

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