Chinesische Autoentwicklung
Mit aller Macht

Der erste Marktauftritt eines chinesischen Autoherstellers in Europa war eine Blamage. Ein Institut in Shanghai soll die Know-how-Lücke schließen. Doch nicht nur für den Export wird hier auch an Ökoalternativen wie dem Brennstoffzellantrieb geforscht. Ohne Innovationen droht China der Verkehrskollaps.
  • 0

PEKING. Yu Zhuopings ganzer Stolz ist zitronengelb, hat vier auffällig kleine Räder und ist knapp 2,50 Meter lang. Das Heck des Kleinwagens fällt senkrecht ab, die riesige Windschutzscheibe zieht sich bis weit ins Dach hinein. Das Ergebnis ist ein toller Panoramablick für die vier Insassen.

Doch das Beste ist: Yus Winzling namens "Start" kommt ohne Benzin aus. Er kutschiert seine Passagiere rein elektrisch durch die Stadt. „Ein Ladevorgang der Lithium-Ionen-Batterie reicht für eine Fahrt über 100 Kilometer“, verrät der Wissenschaftler. Der kleine Flitzer komme auf Spitzentempo 100. „Das ist das ideale Auto für Einkaufsfahrten oder für die Fahrt zur Arbeit.“ Über die Sicherheit, die der automobile Winzling (geplanter Verkaufspreis: 6000 Euro) seinen Insassen bietet, ist nichts bekannt. Aber es darf angenommen werden, dass sie besser ist als beim Brilliance BS 6, jener chinesischen Billig-Limousine, die kürzlich bei einem Crash-Test des ADAC wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel. Denn entwickelt wurde der kleine gelbe Prototyp von einem kleinen Team des Instituts für Fahrzeugtechnik der Tongji-Universität in Shanghai, das Professor Yu leitet. Rund 50 Wissenschaftler tüfteln in Shanghai an innovativen Hybrid- und Brennstoffzellenantrieben, entwickeln Methoden zur Unfallvermeidung und Verbesserung der Crash-Sicherheit, suchen nach Möglichkeiten, die Aerodynamik von Fahrzeugen zu optimieren. Yus Forscher gehören zur Elite unter Chinas Ingenieuren, nirgendwo sonst im Land gibt es eine so moderne Automobilforschung. „Das Shanghaier Institut ist in China absolut führend“, schwärmt He Hong, Repräsentant der Helmholtz-Gemeinschaft in Peking.

Als sich Ende der Neunzigerjahre abzeichnete, dass sich die chinesische Autoindustrie zur Boombranche entwickelt, baute die Regierung die Forschung auf diesem Gebiet kräftig aus und gründete in Shanghai ein Spitzeninstitut. Anders als in Europa, Japan und den USA, wo vor allem die konkurrierenden Pkw-Hersteller in eigenen Labors an Neuentwicklungen arbeiten, sollte in China ein öffentliches Institut Innovationen vorantreiben.

Die Entscheidung für den Standort Shanghai war einfach. In der ostchinesischen Metropole hatten sich damals bereits eine Reihe namhafter Autohersteller angesiedelt, unter anderem Volkswagen und sein Joint-Venture-Partner Shanghai Automotive Industry Corporation (SAIC). Zudem besaß Shanghai mit der Tongji-Universität eine der besten Hochschulen des Landes. Vor 100 Jahren unter Mitwirkung von deutschen Wissenschaftlern als medizinische Universität gegründet, hat sich die Tongji inzwischen auch in der industriellen Forschung einen Namen gemacht. Heute sind rund 70 Prozent der Führungskräfte bei Shanghai Volkswagen Absolventen der Tongji. „Das Institut verfügt heute über eine in China einmalige Ausstattung“, urteilt Zhang Suixin, Vizepräsident der Volkswagen Group China.

Seite 1:

Mit aller Macht

Seite 2:

Seite 3:

Kommentare zu " Chinesische Autoentwicklung: Mit aller Macht"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%