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CO2-Bilanzen: Das goldene Kalb ist schlachtreif

Der CO2-Ausstoß pro Kilometer ist das goldene Kalb, um das Umweltpolitiker mit ungebremster Ausdauer tanzen. Doch die offiziellen Angaben sind in Wahrheit ebenso Makulatur, wie die Mär von emissionsfreien Elektroautos.

von Thomas Lang Quelle: MID
Renault bewirbt den "Fluence Z.E." mit Null Gramm CO2-Ausstoß. Quelle: MID
Renault bewirbt den "Fluence Z.E." mit Null Gramm CO2-Ausstoß. Quelle: MID

DüsseldorfDer Ausstoß an Kohlendioxyd (CO2) eines Fahrzeugs pro Kilometer ist das goldene Kalb, um das Umweltpolitiker und die Autoindustrie mit ungebremst Ausdauer tanzen. Doch die offiziellen Angaben der Hersteller sind in Wahrheit ebenso Makulatur, wie das Märchen von den emissionsfreien Elektroautos. Das goldene Kalb ist ein Kandidat für die Schlachtbank. Die Ermittlung der Daten ist schon wegen des praxisfernen Messzyklus fragwürdig. Darüber hinaus ignorieren die offiziellen Herstellerangaben konsequent die CO2-Bilanz bei der Herstellung des Kraftstoffs und bei der Gewinnung von elektrischer Energie.

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Die Autobranche blickt auf 2015. Ab diesem Zeitpunkt liegen die vorgeschriebenen Grenzwerte bei 130 Gramm CO2 pro Kilometer als durchschnittlicher Flottenausstoß. Bei mehr ausgestoßenem CO2 werden Strafzahlungen fällig. Für viele Hersteller kein Problem, denn sie führen bereits jetzt mustergültige Fahrzeuge im Programm. Zum Beispiel Toyota. Die Japaner können endlich die Früchte ihrer Hybridoffensive ernten. Mit dem Auris Hybrid hat Toyota 2010 den ersten Voll-Hybriden in der Golf-Klasse auf den Markt gebracht. Der mindestens 22 950 Euro teure Fünftürer bietet eine Systemleistung von 136 PS für maximal 180 km/h Höchstgeschwindigkeit bei einem Normverbrauch von 3,8 Liter Benzin auf 100 Kilometer. Das entspricht einem CO2-Ausstoß von 89 Gramm CO2 pro Kilometer.

Dass sogar ein CO2-Ausstoss von Null Gramm pro Kilometer möglich sein soll, versuchen die Anbieter von Autos mit reinem Elektroantrieb zu vermitteln. Führend auf dem Gebiet ist derzeit Renault. Die Franzosen bieten aktuelle gleich vier Baureihen mit E-Antrieb an. Darunter die 4,75 Meter lange Limousine "Fluenze Z.E.". "Z.E." steht dabei für "Zero Emissions", also "Null Emissionen". Der 95 PS starke Elektromotor benötigt 14 Kilowattstunden (kW/h) Strom für 100 Kilometer Wegstrecke. Der kommt im günstigen Fall aus regenerativen Quellen.

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Die große CO2-Lüge nimmt ihren Anfang in der irrigen Annahme, dass Benzin und Diesel nach dem "Prinzip Heinzelmännchen" in den Tank gelangen. Vollkommen unberücksichtigt bleibt der Energieaufwand und damit der CO2-Ausstoß für die Förderung des Rohöls, den Transport in die Raffinerien, die Herstellung der Kraftstoffe und den Weitertransport zur Zapfsäule. Eine Studie der EU von 2007 belegt, dass sich die CO2-Bilanz für jeden Liter Kraftstoff somit um 19 Prozent erhöht. Damit bläst der Musterknabe Toyota Auris Hybrid eben nicht 89 Gramm, sondern 106 Gramm CO2 pro Kilometer in die Luft.

Schwerpunkt Elektro-Auto

Wie irreführend der gelistete Normverbrauch gegenüber der Praxis sein kann, illustriert ein aktuelles Beispiel aus Heft 24/2012 der Fachzeitschrift "auto, motor und Sport". In einem Vergleichstest trat die jüngste Ausgabe von Deutschlands Lieblingsauto VW Golf an. Er wird als 2.0 TDI mit 150 PS in der Ausstattungsvariante "Highline" zum Grundpreis von 28.150 Euro angeboten. Die offizielle Angabe des Herstellers zum Verbrauch und CO2-Ausstoß beträgt 4,1 Liter Diesel und 109 Gramm CO2 pro Kilometer. Mit dem reellen 19-Prozent-Zuschlag für die Kraftstoffgewinnung wären es bereits 130 Gramm CO2 pro Kilometer. Als praxisgerechten Testverbrauch ermittelten die Fachleute durchaus ehrenwerte 6,1 Liter Diesel für den Golf. Dabei gelangen aber schon 162 Gramm CO2 pro Kilometer in die Umwelt. Plus 19 Prozent Erzeuger-Zuschlag für den Diesel sind das dann echte 193 Gramm CO2 pro Kilometer.

  • 08.11.2012, 17:24 UhrEddie

    es ist nicht "kW/h", sondern "kW*h" bzw. da man den Multiplikator in der Schreibweise auch weglassen darf "kWh". Wenn schon ein kleiner Pedant schreibt, dann sollte er sich auch keine solchen Fehler erlauben.

  • 08.11.2012, 15:24 UhrSchwarzfahrer

    Mensch Leute, liebe Presse: Hört bitte (!!!!!!) auf, über die ECE-Verbrauchslüge zu berichten, und zwar ganz genau aus zwei Gründen:

    1. Die tatsächlichen Verbräuche kann sich der Verbraucher aus bekannten Fachblättern und diversen Internetseiten selbst herleiten.

    2. Eine Anpassung an die tatsächlichen CO2-Werte bei gleicher Bemessung wäre eine gern gesehene Einnahmeerhöhung der KFZ-Steuer --> Wartet mal 2013 ab...!

    Gebt dem Staat nicht die Argumentation, der Verbraucher hätte die realistische Bewertung des CO2-Ausstoßes gewollt....

  • 08.11.2012, 14:23 UhrOttavo

    Liebes Handelsblatt, danke für den Beitrag. Solch recht fundierte Artikel machen mir als Vielleser Appetit, immer mal wieder auch zur Printausgabe zu greifen.

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