Dazzle Camouflage
So wird der Erlkönig zum Kunstobjekt

Nicht mehr um jeden Preis verbergen ist die Devise, sondern auch mal auffallen: Die Autoindustrie schickt hässlich getarnte Prototypen in Rente. Mit psychedelischen Mustern wollen die Unternehmen den Betrachter blenden und Details unkenntlich machen. Die Idee hat ihren Ursprung im Militär.
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Nur im Land der Denker, Dichter und Daimlers konnte man auf die Idee kommen, einen Automobilprototypen den Namen der Ballade Erlkönig von Goethe zu geben. Im Jahr 1952 wartet die Bundesrepublik gespannt auf den Nachkriegs-Mercedes. Einem Amateurfotografen gelingt der Coup, einen Prototyp mit seiner Kamera festzuhalten. Das Bild eines in der Landschaft schwebenden Fahrzeugs, das kaum Ähnlichkeiten mit dem neuen Benz aufweist, landete schließlich in der Redaktion von Auto, Motor und Sport.

Dort fragt sich Chefredakteur Heinz-Ulrich Wieselmann, wie man den verschwommenen Schnappschuss veröffentlichen kann, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Die Lösung kommt in Form eines nicht ganz ernst zu nehmenden Achtzeilen-Gedichts, dessen erste Folge wie Goethes Erlkönig beginnt: "Wer fährt da so rasch durch Regen und Wind?" Und dann noch: "Ist es ein Straßenkreuzer von drüben - der nur im Umfang zurückgeblieben - oder gar Daimlers jüngstes Kind?" Dem Leser gefällt die Idee, Spionageaktionen sind seitdem gang und gäbe.

Lange Zeit versucht die Autoindustrie, sich mit Tarnung gegen die Attacken zu wehren. Porsche etwa transplantiert die Bodengruppe des Spitzenmodells 928 in einen biederen Audi, um in aller Ruhe diese zu erproben. Weil der Porsche wesentlich breiter ist, bauen die Ingenieure den Audi aufwendig um. Der Erlkönig entwischt den Kiebitzen. Der Porsche in Audi-Kleid dreht unbemerkt seine Runden in Stuttgart.

Andere Modelle wurden mit einer dicken Außenpolsterung aus Plastik und Schaumstoff bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet. Der große Nachteil: die Autos sehen wahrhaftig hässlich aus.

Da von Fotografen "abgeschossene" Erlkönige sehr prominent veröffentlicht werden, befreien die Autokonzerne ihren Testautos von der unattraktiven Tarnung. Der Erlkönig wird zur Kunst. Die gewöhnlich mattschwarze Karosserie schmücken kreative Muster, die aber nicht mit ästhetischem Anspruch komponiert werden.

Audi und BMW bevorzugen Strudelwürmer, Opel zeigt sich in einem Op-Art Karo, Ford mag kinetisch verstreute Geometrien, Honda trägt Marker-Zickzack, Range Rover nimmt buntes Streifengewebe. Insgesamt herrscht ein gewisser Trend zur Selbstdarstellung.

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