Diskussion um Automobilclub: ADAC plant eigenes Netz von Vertragswerkstätten

Diskussion um Automobilclub
ADAC plant eigenes Netz von Vertragswerkstätten

„Pluspartner“ sollen in Zukunft an bis zu 150 Standorten als ADAC-Werkstätten auftreten. Offenbar macht der Automobilclub Druck beim Einkauf von Ersatzteilen. Und auch der Führung des ADAC droht neues Ungemach.
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MünchenKein Tag ohne neue Meldungen zu Deutschlands größtem Automobilclub. Am heutigen Dienstag kommt raus, dass der ADAC ein eigenes Partnernetz mit Kfz-Werkstätten plant. Bis 2021 sollen 120 bis 150 Standorte qualifiziert werden, die dann als ADAC-Werkstätten auftreten dürften, erklärte der ADAC am Dienstag. Es sei aber nicht geplant, ein komplett flächendeckendes Werkstattnetz aufzubauen, betonte der Automobilclub. Derzeit gebe es fünf Betriebe mit sechs Standorten, die als ADAC-Werkstätten auftreten dürfen.

Laut einem Bericht der „Bild“"-Zeitung (Dienstagsausgabe) sollen die sogenannten Pluspartner mit drohenden Vertragsstrafen dazu gezwungen werden, ein bestimmtes Volumen an Ersatzteilen bei ADAC-Lieferanten zu bestellen. Der ADAC erklärte dazu, im Vergleich zu anderen Wettbewerbern seien seine Verträge weniger regulierend. Bei den Regelungen gehe es auch weniger um Verdienst als vielmehr um Qualitätssicherung.

Die Preise für Reparaturen sollen laut „Bild“ zehn Prozent unter dem örtlichen Durchschnittspreis, aber zehn Prozent über dem Preis der Werkstattkette ATU liegen. In einer Präsentation für den internen Gebrauch heiße es: „Kostenvoranschläge werden in der Regel aufgrund des großen Vertrauensvorschusses für den ADAC nicht hinterfragt“. Der Automobilclub erklärte dazu, jede Werkstatt definiere ihren Stundenverrechnungssatz gegenüber den Kunden selbst. Hier dürfe und wolle der ADAC keine Vorgaben machen. Im Bereich Werkstatt böten die ADAC Werkstätten zehn Prozent Preisvorteil auf den Stundenlohn.

Nach dem Skandal um Manipulationen bei der Wahl zum „Lieblingsauto der Deutschen“ sagte der ADAC eine für Donnerstag geplante Pressekonferenz beim Verkehrsgerichtstag im niedersächsischen Goslar ab. Die derzeitigen Diskussionen würden die juristischen Fachthemen überlagern, teilte der Autoclub am Dienstag mit. Für Hintergrundgespräche würden die ADAC-Rechtsexperten zur Verfügung stehen, auf Fernseh- und Hörfunk-Interviews bitte man jedoch zu verzichten, heißt es in einer Mitteilung.

Dem Automobilclub droht auch bei der Führungsdiskussion eine Ausweitung der Debatte. Beim ADAC sollen hochrangige Mandatsträger ihr Ehrenamt für private Geschäfte nutzen. Das berichtet das ZDF-Magazin „Frontal 21“ am Dienstag (Sendung um 21 Uhr). Der ADAC-Vizepräsident für Verkehr, Ulrich Klaus Becker, sei als Rechtsanwalt mit seiner eigenen Kanzlei zugleich ADAC-Vertragsanwalt. Becker ist Ansprechpartner für ADAC-Mitglieder, sollte es zum Beispiel zu Streitigkeiten nach einem Verkehrsunfall kommen. Der ADAC bietet seinen Mitgliedern eine Rechtsschutzversicherung an.

Auch Wolfgang Becker, Vorsitzender des ADAC Weser-Ems, Matthias Feltz, Vorsitzender des ADAC Hessen-Thüringen, und Dieter W. Roßkopf, Vorsitzender des ADAC Württemberg, alle drei zudem Mitglieder des ADAC-Verwaltungsrates, seien ebenfalls als ADAC-Vertragsanwälte tätig. Für Kritiker wie Unternehmensberater Klaus Kocks, ehemaliger Sprecher des VW-Konzerns, ist diese Doppelfunktion der ADAC-Funktionäre ein „Paradebeispiel für Vetternwirtschaft im Selbstbedienungsladen ADAC“.

Angesichts der Affäre um den Automobilclub - deren Ursache ursprünglich im manipulierten Autopreis „Gelber Engel“ lag - schaltet sich das Bundesjustizministerium in die Debatte über Qualitätskontrollen von Tests ein. Das Ministerium werde mit dem ADAC „über dessen Qualitätskontrollen und die Unabhängigkeit von Vergleichen und Zertifikaten sprechen“, sagte der für den Verbraucherschutz zuständige Staatssekretär Ulrich Kelber (SPD) der „Welt“ (Mittwochsausgabe). Doch auch mit anderen Organisationen wie etwa dem TÜV sollten Gespräche geführt werden.

Die Berichte über Manipulationen beim ADAC und auch im Zusammenhang mit TÜV-Zertifikaten haben laut Kelber bereits zu einem „erheblichen Vertrauensverlust“ geführt. „Es ist dringend nötig, dass das Vertrauen der Verbraucher auch in Testergebnisse und Zertifikate nicht-staatlicher Organisationen und Firmen hoch bleibt“, sagte der Staatsekretär. Das Thema ADAC steht am Mittwoch auch auf der Tagesordnung des Verbraucherausschusses des Bundestags.

afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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