Drei Fragen zum Blitz-Marathon
„Die Aktion thematisiert die Ursachen nicht“

Seit 6 Uhr heute Morgen läuft der zweite bundesweite „Blitz-Marathon“. Aber lassen sich notorische Temposünder durch solche öffentlichkeitswirksamen Kampagnen bekehren?
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Berlin/DüsseldorfDie Polizei hat am Donnerstag bundesweite Tempokontrollen gestartet. Mehr als 13.000 Polizisten werden beim zweiten bundesweiten „Blitz-Marathon“ eingesetzt, der 24 Stunden dauern soll. An fast 7.500 Stellen im gesamten Bundesgebiet wird geblitzt und gelasert. Zu schnelle Autofahrer werden zur Kasse gebeten. Bei der ersten bundesweiten Großaktion dieser Art waren im Oktober vergangenen Jahres 83.000 Autofahrer erwischt worden.

Aber lassen sich notorische Temposünder durch kampagnenartige Blitz-Aktionen belehren? Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), hat darauf eine klare Antwort.

Herr Brockmann, was bringt eigentlich der "Blitz-Marathon"?
Siegfried Brockmann: Klar ist, dass wir nicht nach dem Blitz-Marathon nicht aufstehen und neue Menschen sind, die alle ordentlich fahren und die Straßenverkehrsordnung stets beachten. Das wäre ja auch völlig überzogen und unrealistisch. Ich fürchte aber vielmehr, dass der Effekt gegen Null geht. Denn wir meinen ja gar nicht diejenigen, die im Strom mitschwimmen und ein paar km/h zu schnell fahren.

Wir wollen doch an die Verkehrssünder ran, die die Regeln grob und notorisch missachten. Diese 10 - 15 Prozent verhalten sich ja nicht nur im Verkehr so, sondern haben sich ihre eigenen sozialen Normen geschaffen, die dieses Verhalten rechtfertigen. Die diskutieren das Thema auch nicht unter dem Aspekt vermeidbaren Leids, sondern als Konflikt zwischen Bürger und Polizei, die man möglichst austricksen muss.

Wie erreicht man denn die notorischen Raser?
Brockmann: Verkehrssünder mit dauerhaftem Bleifuß erreicht man nur über dauerhaftem Kontrolldruck. Der ist ja aber übers Jahr völlig unrealistisch. Die Alternative ist daher eine Veränderung der sozialen Norm, die erwiesenermaßen zu den stärksten Motiven zur Regeleinhaltung gehört.

Dazu wäre es zunächst mal nötig, dass sonst seriöse Organisationen wie der ADAC endlich aufhören, das Wort "Abzocke" in Bezug auf Geschwindigkeitskontrollen zu benutzen. Dieses Wort ist unsäglich, weil es die Polizei als die Schurken darstellt und Temposündern eine Legitimation bis weit in Kreise hinein verschafft, die eigentlich ganz gesetzeskonform fahren.

Wie sollte es also nach dem Blitz-Marathon weitergehen?
Brockmann: Der Blitz-Marathon fordert Gesetzestreue ein, thematisiert aber die Ursache nicht. Die meisten Probleme sind auf die "nicht angepasste" Geschwindigkeit zurückzuführen und damit auf mentale Probleme, angefangen vom richtigen Einschätzen einer Situation bis hin zum Erfassen der ethischen Dimensionen beim Führen eines Kraftfahrzeugs.

Dazu müsste man eine Diskussion beginnen, deren Anfang sicher keine Schwerpunktkontrollen sein können. Vielleicht sollte man es aber auch mal mit einer Aktion versuchen, die die ganze Woche andauert. Dann könnte man sich viel besser an die "richtigen" Geschwindigkeiten gewöhnen mit einem dann andauernden Effekt.

Frank G. Heide
Frank G. Heide
Handelsblatt / Redakteur Auto + Motor

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