Ein bewegter Skulpturenpark
Porsche als Kunstobjekt

Geschwindigkeit zu gestalten kann eine Kunst sein: Tür and Tür mit alten Meistern zeigt das North Carolina Museum of Art einige der schnellsten und schönsten Exemplare aus dem Hause Porsche.
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Der scheue kleine Mann mit der großen Sonnenbrille blickt um sich und strahlt: "Sind sie nicht einfach nur schön?" Wie sein Vater, der legendäre Filmstar Steve McQueen, so ist auch Chad bekennender Autonarr. Aus seiner Sammlung überlies er der Ausstellung "Porsche by Design" den 356 Speedster 1600 Super.

Der kleine schwarze Roadster gehört zu den 22 Leihgaben, die Organisator Ken Gross für diese Show im North Carolina Museum of Art zusammengetragen hat. Die landesweit angesehene Kunstsammlung nimmt das Jubiläumsjahr des 911er zum Anlass, um Meilensteine des Renn- und Sportwagenbaus aus deutsch-österreichischer Fabrikation zu feiern. Gezeigt werden außerdem seltene Prototypen aus privater Hand wie auch Schätze aus dem Porsche-Museum in Zuffenhausen.

Die ausgestellten Fahrzeuge beschreiben mehr als eine chronologische Linie, die hier von 1938 bis 2010 führt. Ken Gross, der früher das Petersen Automotive Museum in Los Angeles leitete und heute zu den versiertesten Ausstellungsorganisatoren der USA zählt, zeichnet mit einer Hand die für einen Porsche typische Silhouette nach. "Jedes Kind erkennt diese Linienführung."

Für ihn liegt das Alleinstellungsmerkmal der Marke aber nicht nur in der Formensprache, die bei aller gewachsenen Vielfalt immer nah an den ursprünglichen Designelementen haftete. Oder in der charakteristischen Balance zwischen Alltagstauglichkeit und Rennvermögen. Porsche, das ist für Gross auch "das geniale Entwickler-Gen, das jede Generation dieser Familie inspirierte."

Zum umfassenden Wissen kamen für den kunstsinnigen "Car Guy" auch die wichtigen Kontakte zum kleinen, feinen Kreis der Sammler und Fachleute ohne die so eine Schau nicht zu stemmen ist. Der Porsche Typ 64 beispielsweise trat die Reise zum Museumsort Raleigh vom Automuseum Prototyp in Hamburg an.

Ursprünglich sollte der von Ferdinand Porsche auf der Basis des VW Käfer für das Berlin-Rom-Rennen im Herbst 1939 entwickelte Wagen zeigen, welches Potenzial hier im Wagen für das Volk verborgen war. Der Zweite Weltkrieg stoppte die Vorbereitungen, dafür nimmt der aerodynamische Urvater heute die Pole Position in der Ausstellung ein.

Auch das Porsche-Museum als offizieller Hüter der Historie schickte besondere Stücke nach North Carolina. Zum Beispiel das Panamericana Concept Car von 1989, dessen unkonventioneller Überrollbügel sich wie bei einem Motorboot um das komplette Cockpit zog und dessen Formensprache damals einen Ausblick auf künftige Modelle erlaubte.

Mit dem "Baby" beispielsweise, einem Typ 935 mit einem auf 1,4 Liter reduzierten Sechszylinder, fuhr der Hersteller in den späten Siebzigern bei der Deutschen Rennsport-Meisterschaft erstmals auch in der Klasse unter zwei Litern Hubraum sportliche Erfolge ein.

Der Modeschöpfer Ralph Lauren, der neben Komiker Jerry Seinfeld und Talk Show-Moderator Jay Leno eine der größten Automobilsammlungen der USA unterhält, schickte den straßentauglichen Supersportler Porsche 959 von 1988. Das Revs Institute for Automotive Research entsandte für "Porsche by Design" unter anderem den berühmten 550-Prototyp, Don und Diane Meluzio liehen ihren Ur-Elfer, den Prototyp 901 von 1963 aus.

Auch die Rock and Roll Hall of Fame ist vertreten: mit Janis Joplins psychedelisch bunten 356C Cabriolet (1965).

Obwohl die frühverstorbene Sängerin in ihrem größten Hit den Himmel um einen Mercedes-Benz anflehte, kam für Bob Ingram immer nur der andere Hersteller aus dem Großraum Stuttgart in Frage. Der ehemalige Pfarmavorstand besitzt eine exquisite Sammlung in der Nähe von Raleigh, die allerdings nur auf Einladung besucht werden kann. Er trennte sich auf Bitten von Gross von dem schlanken, eleganten 356B 1600 Carrera GTL Abarth (1961) und bestückte die Ausstellung auch mit dem raren 356 Gmünd Coupé aus dem Neuanfang 1949.

Für dieses erste Projekt seines Hauses, das ausschließlich dem Kult des Automobils gewidmet ist, hat Direktor Larry Wheeler das Erdgeschoss des Hauptgebäudes leer geräumt. Damit hatten Gross und die Kuratorin Barbara Wiedemann geradezu verschwenderisch Platz, um die Fahrzeuge wie Kunstobjekte in Szene zu setzen. Für den Museumsmann, zu dessen Schützlingen Artefakte aus 5.000 Jahren Kulturgeschichte gehören, sind diese Exponate aus geformten Metall "rollende Skulpturen". Ein Begriff, der übrigens vor genau 60 Jahren geprägt wurde, als das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) mit der Ausstellung "8 Cars" ein Tabu brach und erstmals Autos als ebenbürtige Design- und Kultobjekte in die Säle der Hochkultur stellte.

Die Gäste der Eröffnungsgala, die in Smoking und Abendkleid sinnend vor Ikonen der Renngeschichte wie dem höllischen 917 Spyder-Prototyp von 1969 (Porsche-Museum) standen oder den nicht minder legendären 962C (1990) betrachteten, erlagen womöglich dem Augenblick der Verführung durch Geschwindigkeit. "Seducing Speed" lautet der feinsinnig doppeldeutige Untertitel der Ausstellung und wird im Laufe der nächsten Woche noch durch eine Serie von Vorträgen, Filmen, Lesungen und Konzerten unterfüttert.

Dass ein Sportwagen nicht nur schnell ist, sondern Schnelligkeit als Idee auch in seiner Gestalt zum Ausdruck bringen kann, davon sollte man sich noch unbedingt bis zum 20. Januar 2014 in North Carolina überzeugen. Zur Einstimmung auf die Faszination Porsche bietet das Museum auf seiner Website noch eine Reihe sehens- und hörenswerter Videos.

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