Elektromobilität in Austin
Öko-Oase im Mutterland des Pick-Up

Wo sie in Dallas oder Houston gerne Cowboystiefel tragen, haben sie hier lieber Flip-Flops an den Füßen. Austin ist anders als der Rest von Texas und zeigt das auch auf der Straße - Elektrofahrzeug statt Pick-Up.
  • 0

„So was habe ich in meinen vielen Jahren als BMW-Händler noch nicht erlebt.“ Wenn Steve Late an die Markteinführung des i3 im letzten Sommer zurück denkt, schüttelt er noch immer ungläubig den Kopf: „Über 300 Testfahrten an einem Tag und das ganze Wochenende Hochbetrieb – das hat es vorher noch nie gegeben. Selbst bei der Premiere von M3 und M4 war hier lange nicht so viel los.“

In San Francisco, in Los Angeles, im Silicon Valley, und ja, vielleicht auch in New York hätte man sich das noch vorstellen können. Doch Lates Autohaus steht nicht an der Westküste oder in Manhattan, sondern mitten in Texas, in der Landeshauptstadt Austin.

Ausgerechnet im Mutterland des Pick-Up-Trucks, dort wo Ford die meisten F-150 verkauft, Toyota den Tundra baut und man schon einen BMW X5 für einen kompakten Geländewagen hält, dort rennen sie dem BMW-Händler fast die Bude ein und gieren nach einem elektrischen Kleinwagen, der sich neben den Pritschenlastern verliert wie ein Spielzeugauto.

Late war vom Ausmaß des Ansturms überrascht, aber gewundert hat ihn die Resonanz eigentlich nicht. Denn Austin mag zwar in Texas liegen, hat aber politisch und in der Weltanschauung mit Texas so wenig gemein wie München mit Bayern: „Austin ist anders,“ sagt Late über die Kapitale des Cowboy-Staates und bezeichnet die mit knapp 900.000 Einwohnern eher kleine Stadt als eine Insel im See der Klischees und Vorurteile.

Die Menschen sind nicht nur jünger als im Rest des Landes, weil die über 50.000 Studenten der University of Texas den Altersschnitt auf 34 Jahre drücken. Sie gehen auf einem der viele Kilometer langen Trails im Zentrum und am Colorado River lieber zu Fuß, als dass sie das Auto nehmen würden und freuen sich darüber, dass ihre Partymeile auf der 6th Street abends sogar ganz für den Verkehr gesperrt wird. Seit den massiven Protesten gegen den Vietnam-Krieg in den Siebzigern sind sie politisch liberaler und wählen als einziger County in Texas beharrlich die Demokraten.

In der Regel mit Basecap und Flip-Flops statt mit Stetson und Cowboystiefeln sitzen sie in den Labors von Technologiekonzernen wie Dell und Samsung und sind durchweg lässiger als die Ölprinzen und Rinderbarone mit ihren Stetsons und Cowboystiefeln in den Business-Metropolen. Und nicht erst seit in Austin 1980 die mittlerweile weltgrößte Biomarkt-Kette „Whole Foods“ ihren ersten Laden eröffnet hat, machen sie sich Gedanken über die Gesundheit, die Umwelt und all das andere Öko-Zeugs, über das sie überall sonst in Texas so herzlich lachen.

„Klar werden auch in Houston oder Dallas i3 verkauft“, räumt BMW-Regionalleiterin Christine Fleischer ein. Und angesichts der größeren Einwohnerzahlen und der zusätzlichen Verkaufspunkte vielleicht sogar ein paar mehr als in Austin.

„Aber während man sie in Austin aus Überzeugung kauft, fährt man sie dort nur wegen des Images“, sagt Fleischer ein wenig abschätzig. „Genau wie sich die Frauen dort schon vor dem Frühstück schminken, weil es immer nur um den schönen Schein geht.“

Seite 1:

Öko-Oase im Mutterland des Pick-Up

Seite 2:

Der Smart gehört zum Stadtbild

Kommentare zu " Elektromobilität in Austin: Öko-Oase im Mutterland des Pick-Up"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%