Elektromobilität
"In fünf Jahren drohen Überkapazitäten bei Elektroautos"

Über den Erfolg von Elektroautos entscheidet die Batterie, sagt Autoexperte Willi Diez im Interview. Die deutsche Industrie habe den Trend verpasst und hinke hinterher. Weil die Autos, die jetzt kommen, aber nur geringes Marktpotenzial haben, teuer und in der Nutzung eingeschränkt sind, ist der Rückstand aufholbar.
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ZEIT ONLINE: Herr Professor Diez, im Zwischenbericht der Nationalen Plattform Elektromobilität (NPE) heißt es, Industrie und Wissenschaft brauchten in den kommenden drei Jahren vier Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung. Sollte die Autoindustrie die Entwicklung nicht selbst finanzieren und nicht gleich nach dem Staat rufen?

Willi Diez: Das ist grundsätzlich schon richtig. Allerdings muss zwischen Grundlagenforschung und anwendungsorientierter Forschung unterschieden werden. Was direkt in die Produktentwicklung einfließt, ist Sache der Automobilindustrie. Aber wenn es um grundlegende Forschung geht, ist der Staat gefordert. Das Problem liegt allerdings in der Abgrenzung: Wo hört Grundlagenforschung auf, wo fängt Produktentwicklung an?

Die Japaner und Koreaner bringen bereits die ersten Elektroautos auf den Markt, die deutschen Hersteller sind noch in der Test- und Entwicklungsphase. Wie problematisch ist dieser Rückstand?

Diez: Die Autos, die jetzt kommen, haben nur ein sehr geringes Marktpotenzial, weil sie teuer und in ihrer Nutzung eingeschränkt sind. Der Rückstand ist deshalb aufholbar, er muss aber schnell aufgeholt werden. Die nächsten fünf Jahre werden entscheiden, wer beim Elektroauto die Nase vorn hat. Von großer Bedeutung wird sein, wer die beste Speichertechnologie entwickelt - sowohl was die Reichweite als auch die Kosten betrifft. Die Batterie ist der Schlüssel, nicht das Auto.

Aber gerade auf diesem Gebiet sind Forschung und Produktion in Deutschland jahrelang vernachlässigt worden. Rächt sich das jetzt?

Diez: Ja. Lange haben die Autohersteller die Batterie nur als notwendige Technik gesehen, in der keine großen Potenziale liegen. Die Batterieentwicklung fand vor allem in Asien statt und folgte der Entwicklung in der Unterhaltungselektronik. In Laptops und Handys ist die Batterie ein sehr wichtiger Bestandteil. Unser technologischer Rückstand bei der Unterhaltungselektronik sorgt - komischerweise - jetzt dafür, dass wir auch beim Elektroauto in Rückstand sind.

Ende Oktober fuhr ein umgerüsteter Audi A2 angeblich rund 600 Kilometer mit einer einzigen Akkuladung, mit einer Batterie der Berliner Firma DBM Energy. Inzwischen wird aber erheblicher Zweifel daran geäußert. War die Rekordfahrt nur Schmu?

Diez: Ich kenne das Fahrzeug nicht, und die Kommunikation über die Technik und die Funktionsweise war äußerst spärlich. Es geht auch nicht darum, einmalig mit einer Akkuladung von München nach Berlin zu fahren - und das mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von nur 90 km/h.

Ziel muss sein, Serienautos mit vernünftigen Reichweiten zu entwickeln, die sich jedermann leisten kann. Das scheint mir bei diesem Rekordauto nicht gewährleistet zu sein. Ich bin ohnehin immer vorsichtig, wenn Wunderfahrzeuge angekündigt werden. In den vergangenen Jahren wurden immer mal wieder Modelle entwickelt, die dann sang- und klanglos wieder verschwunden sind.

Im Moment herrscht durchaus Interesse an Elektroautos: So ist das Modell Leaf von Nissan in den USA schon vor dem Verkaufsstart ausverkauft. Wird man auch in Zukunft lange aufs Elektroauto warten müssen?

Diez: Im Moment werden die Elektromodelle in relativ geringen Stückzahlen gefertigt. Aber schon in fünf Jahren werden alle Autohersteller batteriebetriebene Elektrofahrzeuge anbieten - dann drohen Überkapazitäten und erhebliche Absatzprobleme. Bis 2015 werden weltweit etwa 1,6 Millionen Elektrofahrzeuge pro Jahr gefertigt werden, dem steht aber eine Nachfrage von nur rund 0,5 Millionen Autos gegenüber.

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  • Professor Diez singt auch nur das Lied der Brötchengeber. Bis 2030 nur 10% e-angetriebene Fahrzeuge würde von mangelnder Qualifikation der physikalischen Ausbildung der Ingenieure zeugen. Was zieht besser? Ein Ofen der zufällig konvulsivisch pulsiert oder ein magnetisches Drehfeld? Oder hat Ihre Festplatte einen 4-Takter? Goodbye Audi BMW Mercedes - wir können über diese dann im Wikipedia neben Grundig, AEG, Telefunken in der Rubrik "untergegangene deutsche Wirtschaftsikonen" nachlesen...

  • Es ist genau diese in diesem Artikel deutlich werdende, unglaubliche ignoranz, welche uns Deutsche bei nahezu allen Zukunftstechnologien uralt aussehen lässt. Da fährt jemand eine Durchbruchstrecke mit seinem Akku, an dem er jahrelang geforscht hat und unsere Autogrößen ignorieren ihn, weil er keinen Diplomschein hat. ich hingegen glaube kaum, dass jemand aus dem institut für Automobilwirtschaft den zukünftigen bedarf an E - Autos realistisch beurteilen kann und durch wessen brille er blickt, dürfte unschwer zu erraten sein.
    Sicher bin ich aber, dass der Elektroantrieb die Zukunft der individuellen Mobilität darstellt, angetrieben durch solche Akkus und aufgeladen durch regenerative Energie - und wenn es hierzulande niemanden interessiert, kommt die Welle, wie so oft, eben aus Fernost und wir klagen wieder über eine verpasste Chance.

  • Ein interessanter Artikel bzgl. der Wichtigkeit von Ladestationen wurde bei automotiveiT herausgegeben:
    http://www.automotiveit.eu/storfall-elektromobilitat-die-fehlende-infrastruktur/blickpunkt/id-0020646

    Dem kann ich nur zustimmen. Die Vernetzung, bzw. bündelung von Ladestationen ist der Schlüssel zur Elektrifizierung. Und angesichts des nationalen Know-Hows, sollte das doch möglich sein. Richtige Rahmenbedingungen vorausgetzt.

    Euer
    Mr. Q

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