Erlkönige in Eis und Hitze
Härtetest am Ende der Welt

Arbeiten an Orten, die andere nicht einmal im Urlaub sehen: Damit neue Autos auch unter widrigsten Umständen funktionieren, sind Fahrzeugentwickler mit Prototypen rund um den Globus unterwegs.
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Chengdu/DelhiWenn die VW-Entwickler mit ihren Prototypen durch China fahren, hat das mit Urlaub wenig zu tun. Das Essen gibt es nur eingeschweißt, und sie gehen lieber in die Büsche als auf die Toilette. Zur Sicherheit fährt immer ein Krankenwagen in der Nachhut mit.

"Das ist manchmal schon ein echtes Abenteuer", sagt Jörg Rohrbeck, der die Fahrten organisiert und heute mit einem Tross von fünf getarnten Prototypen, sogenannten Erlkönigen, nahe der Provinzhauptstadt Chengdu unterwegs ist. Einen Tag lang kreuzen die Fahrzeuge über Landstraßen, die statt Asphalt nur knietiefe Schlaglöcher haben, und nagelneue Autobahnen. Sie stauen sich auf achtspurigen Ausfallstraßen, rasen flott über Gebirgspässe und zuckeln im Stop-and-Go-Verkehr durch Dörfer, in denen vor hundert Jahren die Zeit stehengeblieben zu sein scheint.

Doch die Ingenieure nehmen die Strapazen für Mensch und Material mit einem Lächeln. Denn deshalb sind sie hier. "Man muss die Autos dort erproben, wo man sie später auch verkaufen will", sagt VW-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg, der für solche Testfahrten regelmäßig selbst um den Globus fliegt. "Denn nur im chinesischen Verkehrsgeschehen merkt man, ob die Chinesen mit einem Auto zufrieden sein werden. Und in Amerika oder Japan ist das nicht anders. Daheim in Wolfsburg lässt sich das nicht simulieren", sagt der VW-Techniker.

Während Hackenberg über Sinn und Zweck solcher Abenteuertouren philosophiert, streicht sein Blick ständig über die Karosseriefugen. Er fühlt tief in die Sitze hinein, schaut nach den Spaltmaßen, drückt und wackelt an Zierteilen und wechselt die Gänge, um das Getriebe zu prüfen. Nur wenn auch auf den schlechtesten Straßen nichts klappert, sei er zufrieden. Nur dann erteilt er die Produktionsfreigabe.

Weil die Globalisierung weiter fortschreitet und die Kunden in China, Indien oder Südamerika für die Hersteller immer wichtiger werden, hat in den Unternehmen längst ein globaler Testwagen-Tourismus eingesetzt: Die Wüsten von Namibia, die Gebirge im US-Staat Utah, die Pässe im Himalaya, die Schwüle von Dubai, das Eis in Alaska oder der Stau in Tokio - überall sind die getarnten Prototypen unterwegs, sagt Pip Archer. Er leitet die Erprobung bei Land Rover und hat seinen Aktionsradius in den letzten Jahren deutlich erweitert. Der neue Range Rover zum Beispiel, der Anfang nächsten Jahres in den Handel kommt, war in 20 Ländern unterwegs und hat dabei viele Millionen Kilometer abgespult.

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Windkanal statt Testfahrt

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