Fahrertraining
„99 Prozent der Leute sitzen falsch am Lenkrad“

Seit 30 Jahren bietet BMW ein Fahrertraining an. Doch noch nie waren die Kurse so beliebt wie heute. Letztes Jahr setzten sich 18 000 Frauen und Männer auf verschiedenen Übungsplätzen hinters Lenkrad, das sind mehr als doppelt so viele wie in den ersten zehn Jahren von 1977 bis 1987 zusammen.

MÜNCHEN. Der Mann mit dem dichten, weißen Haar streckt die Arme vor sich weit aus. „Glauben Sie, dass Sie so ein Auto beherrschen können?“ fragt Rauno Aaltonen in die Runde. Die Gruppe erfahrener Autofahrer ist unschlüssig. Der Finne legt nach: „99 Prozent aller Fahrer sitzen falsch am Lenkrad.“ Dann zeigt der 69-jährige ehemalige Rallye-Profi, wie es richtig geht, und winkelt die Arme an. Und noch etwas gibt der Gewinner der Rallye Monte Carlo von 1967 seinen Zuhörern mit: „Wer sich mit dem linken Bein nicht abstützt, der kann sein Auto nicht lenken.“

Willkommen am Münchener Flughafen, im Fahrer-Trainingszentrum des Autobauers BMW. Zwischen zwei Flugzeughallen, nur einen Steinwurf von der Startbahn entfernt, rauscht eine Limousine nach der anderen über den Asphalt. Während nebenan die Triebwerke dröhnen, bringen Ausbilder den BMW-Kunden bei, wie sie die schnellen Fahrzeuge des Konzerns künftig besser unter Kontrolle behalten können.

Seit 30 Jahren bietet die Luxusmarke die Fahrerausbildung an. Noch nie waren die Kurse so beliebt wie heute. Letztes Jahr setzten sich 18 000 Frauen und Männer auf verschiedenen Übungsplätzen hinters Lenkrad, das sind mehr als doppelt so viele wie in den ersten zehn Jahren von 1977 bis 1987 zusammen.

„Natürlich erzielen wir damit Kundenbindung“, sagt BMW-Vorstand Klaus Draeger. „Die Fahrer sehen und erleben, mit welchen Sachen unsere Autos ausgestattet sind.“ Mit Preisen ab 160 Euro sind die Kurse zwar nicht kostenlos. „Geld verdienen wir damit aber auch nicht“, betont Frank Isenberg, Chef des Fahrertrainings.

Die Ausgaben kann BMW leicht verschmerzen, denn die Veranstaltungen sind effizientes Marketing. „Jeder, den die Freude am Fahren einmal selbst gepackt hat, der weiß, dass einen dieses Fieber, diese Begeisterung nicht so schnell loslässt“, sagt Draeger. Eine „hoch emotionale Sache“ sei das Fahrertraining, findet auch Rennfahrerlegende Hans-Joachim Stuck.

Rauno Aaltonen war es, der sich die ersten Übungseinheiten vor 30 Jahren ausgedacht hat. „Viele Dinge von damals muss man heute nicht mehr üben, weil die Elektronik so manche kritische Situation gar nicht erst entstehen lässt“, sagt der Mann, den sie zu seinen aktiven Zeiten nur den „fliegenden Finnen“ genannt haben. Doch es gibt noch genug zu tun. Wer weiß denn schon, wie es sich anfühlt, voll in die Eisen zu steigen? Wer kann seinen Bremsweg richtig einschätzen? Und so kurven die Autofahrer zwischen Hütchen, drehen ihre Runden auf nassem Untergrund und lernen, das Fahrzeug auch in kritischen Situationen zu beherrschen.

„Wir ziehen keine Raser heran“, wehrt sich Draeger gegen den Vorwurf, BMW würde während des Trainings aus gewöhnlichen Fahrern die Michael Schumachers der Landstraße machen. Draeger: „Auf dem Übungsplatz spielt sich fast alles zwischen Geschwindigkeiten von 30 bis 60 Kilometer in der Stunde ab. Das ist der Bereich, in dem es die meisten Unfälle gibt.“ Viel schneller können die Teilnehmer ohnehin nicht fahren, denn das Gelände ist nicht viel größer als der Parkplatz eines deutschen Mittelständlers.

BMW war zwar einer der ersten Autokonzerne, der das Fahrertraining für sich entdeckt hat. Längst haben aber die meisten anderen großen Anbieter nachgezogen. Ob Audi, Mercedes oder Porsche, jeder Hersteller sucht den engen Kontakt zu seinen Kunden. Dabei wissen die Produzenten eins ganz genau: Wer solche Übungen bucht, der fährt gerne Auto und ist ein Fan der Marke.

Dazu kommt, dass die Teilnehmer tendenziell wohl eher einen sportlichen Fahrstil pflegen und deshalb auch die teureren Modelle kaufen. „Für Kurse zum Sprit sparenden Fahren hat es bislang kaum Nachfrage gegeben“, sagt BMW-Übungsleiter Helmut Pohl, der sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt. Mit der Klimadiskussion ändere sich das aber langsam. Wer will, kann unter Anleitung von Pohl lernen, wie sich der Spritverbrauch mit einfachen Mitteln deutlich senken lässt. Den Ratschlag, auch innerorts in den sechsten Gang zu schalten, werden die meisten Teilnehmer sicher nicht so schnell vergessen.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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