Fiat 1100 S im Einsatz
Achtung, Renn-tner!

Für manche Menschen wie Autos ist der Ruhestand nichts. Als Sportwagen hat man es da gut: Auch nach dem Erreichen des Rentenalters wird man bisweilen artgerecht bewegt. So wie Fiats erstes Nachkriegsmodell, der 1100 S.
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Während die Weltpolitik im Jahr 1947 sich nach den Kriegswirren neu sortiert, findet im motorsportverrückten Italien die erste Mille Miglia nach Kriegsende statt. Gleichzeitig feiert das erste echte Nachkriegsmodell des italienischen Traditionsherstellers Fiat Premiere: Der 1100 S ist ein zweisitziger Sportwagen, der für den Einsatz im härtesten Straßenrennen der Welt vorgesehen ist. Aber selbst 68 Jahre später lässt sich das Coupé noch streckentauglich bewegen.

Der Sportwagen hat das Rentenalter also längst erreicht und wird üblicherweise an seinem Alterssitz in der Collezione Lancia in Turin umhegt. Hin und wieder erhält der Renn-tner aber noch Auslauf, so zum Beispiel jetzt bei den Classic Days auf Schloss Dyck.

Im Vergleich zu den 1.000-Meilen-Strecken (1.600 km), die der 1100 S bei seinen diversen Mille-Miglia-Teilnahmen Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre und zuletzt 2015 abgerissen hat, ist der 2,8 Kilometer kurze Rundkurs auf dem Oldtimer-Festival natürlich ein Witz. Doch auch wenn die 155 km/h Höchstgeschwindigkeit auf den kurzen Geraden nicht erreichbar sind, wird schnell klar, warum der Italiener in seinen Anfangsjahren für Spitzenplätze gut war.

Denn mit dessen rund 800 Kilo hat der – auf den ersten Blick etwas bescheiden und beim Blick unter die Motorhaube geradezu winzig wirkende – 1,1-Liter-Benziner mit lediglich 38 kW/51 PS leichtes Spiel. Zwar presst der Vorwärtsdrang des Vierzylinders die Insassen nicht gerade in die Sitze, trotzdem geht es zügig voran – und ebenfalls angemessen zügig entschleunigen die Bremsen vor der nächsten Kurve.

Die nimmt der rund 4 Meter lange 1100 S dank recht direkter Lenkung willig, wenn auch nur unter ordentlichem Krafteinsatz des Fahrers. Gut kann man sich dabei vorstellen, wie der Sportler die toskanischen Hügel zwischen Brescia und Rom umkurvt. Hat man erstmal für das unsynchronisierte Getriebe die passenden Drehzahlen zum Gangwechsel gefunden, macht Runde um Runde auf der Dyckschen Hausstrecke mehr Spaß.

Dabei bleibt der 1100 S ein puristischer Renner: Fahrer und Beifahrer sitzen eng auf belederten Sesseln, aus Platzgründen ist sogar die Schaltung weit in den Fußraum vorverlegt. Von dort ragt ein langer Schaltstock bin in Griffweite des Fahrers.

Die ursprünglich noch als Winker ausgelegten Richtungsanzeiger sind zwar ersetzt, dafür ist die „Klimaanlage“ aber noch original: Mit einem Hebel können Fahrer und Beifahrer ein kleines Kläppchen unter der Frontscheibe öffnen, das ihnen dann Fahrtwind zuführt, außerdem lassen sich die Seitenfenster aufschieben. Einen Kofferraum im eigentlichen Sinn gibt es ebenso wenig wie eine Kofferraumklappe, wenngleich hinter den Vordersitzen Platz für ein Wochenendtäschchen wäre.

Der 1100 S ist also ganz eindeutig als Sportwagen ausgelegt – dabei aber kein Poser, wie manch andere italienische Sportler. Wohl auch deshalb weil das Coupé vor allem für Privatfahrer gebaut wurde. Für diese waren Mille-Autos von Alfa, Ferrari, Maserati oder Mercedes unerschwinglich, viele Privatpiloten traten daher in nahezu serienmäßigen Familienlimousinen an.

Etwas sportlicher und ein wenig teurer war der 1100 S, der - anders als vorherige Wettbewerbs-Coupés von Fiat - in Serie ging; 411 Stück wurden gebaut. Etwa 150.000 Euro ist das von uns gefahrene, perfekt restaurierte Exemplar heute wert, schätzt man bei Fiat. Doch dieser 1100 S war von Beginn an im Fiat-Besitz und er wird es auch bleiben – im Unruhestand, versteht sich.

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