Fiat entwickelt Auto in Anatolien für europäischen Markt
Türkische Autoproduzenten geben Gas

Die türkische Automobilindustrie fährt einem neuen Exportrekord entgegen: in den ersten drei Quartalen 2007 lieferten die Hersteller Fahrzeuge und Teile im Wert von 14,3 Mrd. Dollar ins Ausland, eine Steigerung von 33 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum.

ISTANBUL. Damit übertraf die Branche in den ersten neun Monaten dieses Jahres bereits die Exporterlöse aus dem gesamten Jahr 2005 (12,8 Mrd.) Größter Abnehmer ist Deutschland. Dort konnten die türkischen Automobilproduzenten und Zulieferer bis Ende September Produkte im Wert von knapp 2,3 Mrd. Dollar absetzen. Weitere wichtige Märkte sind Italien, Frankreich und Großbritannien.

Erstmals wird in diesem Jahr die türkische Automobilindustrie die traditionell führende Textilbranche als größter Exporteur ablösen. Fast 70 Prozent der Fahrzeugproduktion, die im vergangenen Jahr erstmals die Anzahl von einer Million Einheiten überstieg, geht ins Ausland, und davon wiederum die Hälfte in die EU. Zu den Exportschlagern gehören die Lizenz gefertigten Modelle Toyota Corolla, Honda Civic und Hyundai Accent. Die Renault-Modelle Megane und Clio sowie die Kleintransporter Ford Transit Connect und Fiat Doblo werden in Joint Ventures mit türkischen Holdings sogar ausschließlich in Anatolien produziert.

Diese Woche startete der Hersteller Tofas, ein Gemeinschaftsunternehmen der türkischen Koç Holding mit Fiat, im westanatolischen Bursa die Produktion des Kleintransporters Minicargo. Das Fahrzeug ist insofern ein Meilenstein für die türkische Automobilindustrie, als es erstmals vollständig in der Türkei entwickelt und gestylt wurde. Es wird baugleich von Fiat und den Marken der französischen PSA Group (Peugeot und Citroën) unter verschiedenen Modellbezeichnungen vertrieben. Tofas will in der ersten Phase 165 000 Einheiten jährlich bauen. Davon sollen 95 Prozent in den Export gehen. Mustafa Koç, Chairman der Koç Holding und der Automobiltochter Tofas, sieht große Wachstumschancen für die Branche. Bis 2010 will Tofas die Produktion auf eine Mill. Fahrzeuge hochfahren – so viele, wie die ganze Branche im vergangenen Jahr produzierte. Dafür investiert Tofas gerade 550 Mill. Euro in neue Produktionsanlagen in der türkischen Autostadt Bursa.

Die starke türkische Lira, die seit Jahresbeginn gegenüber dem Euro acht und gegenüber dem US-Dollar sogar fast 15 Prozent aufwertete, hat den Exportboom bisher nicht nennenswert gebremst. Die Währungsentwicklung bereite der Branche aber natürlich Kopfschmerzen und zehre an den Margen, meint Gregor Holek, Türkei-Experte bei Raiffeisen Capital Management in Wien. Die türkischen Hersteller profitieren jedoch von guter Qualität und niedrigen Kosten. Jürgen Ziegler, Präsident und CEO der bereits Mitte der 60er Jahre gegründeten Mercedes Benz Türk: „Wir produzieren hier auf einem Qualitätsniveau von 1:1 mit unseren Fabriken in Deutschland, aber bei Lohnkosten von rund acht Euro pro Stunde, gegenüber 35 Euro im EU-Durchschnitt.“

Auch der zurzeit stagnierende Inlandsmarkt bietet auf viele Jahre hinaus gute Wachstumschancen: noch gibt es in der Türkei erst 122 Autos auf 1 000 Einwohner. Damit liegt das Land hinter Bulgarien, Rumänien und Polen. Mit steigender Kaufkraft und sinkenden Zinsen dürfte vor allem der PKW-Absatz in den nächsten Jahren wachsen, hofft Ercan Tezer, Generalsekretär des Verbandes der türkischen Automobilindustrie OSD. Die Branche umfasst, einschließlich der schnell wachsenden Zulieferindustrie, inzwischen gut 1 000 Unternehmen mit rund 250 000 Beschäftigten. Für dieses Jahr rechnet Verbandschef Tezer mit einem Zuwachs der Fahrzeugproduktion von rund 17 Prozent. 2010 sollen erstmals mehr als zwei Millionen Einheiten von den Bändern rollen. Damit würde die Türkei zu den zehn größten Autoherstellern der Welt gehören.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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