„Güllewüste“ statt Waldsterben
Kat-Autos pusten Ammoniak in die Luft

Autos mit Drei-Wege-Katalysator sind nach einer Studie längst nicht so sauber wie oft gedacht, denn sie pusten überraschend viel vom giftigen „Misthaufen-Gas“ Ammoniak in die Luft.

HB BONN. Das Waldsterben durch sauren Regen könnte in Zukunft von einer „Güllewüste“ entlang von Straßen und Autobahnen abgelöst werden. Vor dieser Gefahr haben am Montag Botaniker der Universität Bonn gewarnt. Sie fanden heraus: Aus den Katalysatoren moderner Autos kommt so viel Ammoniak, dass sich an Straßen zusehends Moose und Flechten ausbreiten, die bisher nur in ländlichen Gegenden die Betoneinfassungen von Misthaufen besiedelten.

Bisher sei weitgehend unbekannt gewesen, dass Drei-Wege-Katalysatoren überhaupt Ammoniak in nennenswerter Menge produzieren, berichteten die Forscher. Allerdings sei den Botanikern schon vor mehr als zehn Jahren aufgefallen, dass plötzlich in Städten an Mauern und Bäumen ein Moos namens Orthotrichum diaphanum wachse, das dort zuvor nie gefunden worden sei.

Einige Jahre später breiteten sich den Angaben der Wissenschaftler zufolge in den Städten plötzlich stickstoffliebende Flechtenarten wie die Gelbflechte aus. Auch diese Arten lieben eigentlich die Landluft: Normalerweise wachsen sie beispielsweise auf Dächern von Viehställen. „In den Städten gibt es aber keine Kühe und Schweine“, erklärt Professor Jan-Peter Frahm vom Bonner Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen und fragt: „Was bewog also die Flechten, in die Städte zu ziehen?“ Zudem fiel auf, dass die stickstoffliebenden Flechtenarten besonders gerne an stark befahrenen Straßen wachsen.

Schließlich gerieten Autoabgase in den Verdacht, die Stickstoffquelle Ammoniak zu liefern, obwohl die stechend riechende Substanz darin nach damaliger Kenntnis allenfalls in Spuren vorkommen sollte. Zusammen mit dem TÜV maßen die Bonner Wissenschaftler die Abgase von 30 Autos mit Katalysator. Das Ergebnis habe selbst die Experten überrascht, berichtete Frahm: „Alle Pkw pusteten Ammoniak in die Luft - und das in Konzentrationen, die man zum Teil bereits mit der Nase wahrnehmen konnte.“ Bis zu 25 ppm (parts per million) erreichten die Werte bereits im Leerlauf; bei höheren Drehzahlen stiegen sie gar auf das Drei- bis Zehnfache.

Keine Gefahr für menschliche Gesundheit

Gefahr für die menschliche Gesundheit geht nach Einschätzung der Botaniker von den gemessenen Mengen dennoch nicht aus, da sich das Gas schnell verdünnt. Gefährlicher sei der „Düngeeffekt“ von Ammoniak: „Die Düngung ist so hoch, dass sie nur von wenigen Moos- und Flechtenarten toleriert wird“, betonte Frahm. „Die anderen halten das gar nicht aus.“ Auch Blütenpflanzen, die Stickstoff anders als Moose und Flechten nicht aus der Luft aufnehmen, seien gefährdet: Ammoniak verbinde sich mit den Stickoxiden in der Luft zu Ammoniumnitrat, einem gebräuchlichen Dünger.

Mit dem Regen gelange der Dünger dann in den Boden. Als Folge könnten seltene Arten aussterben. Sie würden durch „Stickstoffanzeiger“ wie Brennnessel oder Brombeere ersetzt. „Anders als beim sauren Regen sterben wegen des Ammoniaks keine Bäume“, sagte Frahm. Er fürchte jedoch die schleichenden Veränderungen: „Das langfristige Resultat ist eine zunehmende Verarmung der Natur - wir leben bald in einer Güllewüste.“

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