IAA 2015
Wir sind (k)ein bisschen elektrisiert

Aus dem Flop der E-Autos lassen sich Lehren ziehen für den Hype um vernetzte und autonome Autos. Investieren Autohersteller Milliarden in neue Techniken, die Autokäufer gar nicht haben wollen und auch nicht benutzen?
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DüsseldorfAuf der 66. Ausgabe der IAA in Frankfurt, der größten und vielleicht wichtigsten Automesse der Welt, sind in diesem Jahr Elektroautos nur Randerscheinungen. Wieder mal. Zwar zeigen ein paar Studien, was in den nächsten Fahrzeug-Generationen kommen könnte. Ob das reicht, um nennenswerte Marktanteile zu generieren, darf aber bezweifelt werden. Die aktuellen Fahrzeuge schaffen es jedenfalls nicht.

So war beispielsweise in Deutschland in den ersten acht Monaten dieses Jahres fast jedes zweite neu zugelassene Neufahrzeug ein Diesel. Die Marken Audi, BMW, Ford, Mercedes, Opel, Porsche und VW wiesen für 2014 insgesamt nur 8.463 Fahrzeuge mit Hybrid, Plug-In-Hybrid oder reinem Elektroantrieb als Neuwagen in der KBA-Zulassungsstatistik aus. Dem stehen 1,87 Millionen Neuzulassungen gegenüber, die mit konventionellen Antrieben fahren, also Diesel- oder Benzin-Verbrenner.

Und was die Hersteller lieber verschweigen: Selbst der Mini-Erfolg der in Deutschland schwer verkaufbaren Antriebsalternativen ist überwiegend hausgemacht, denn es wird massiv mit Eigenzulassungen auf Händler und Hersteller gearbeitet.
Wie eine aktuelle Studie des Center Automotive Research (CAR) derUniversität Duisburg-Essen zeigt, sind je nach Marke bis zu 92 Prozent der Alternativ-Autos Eigenzulassungen, und insgesamt nur 4.814 Zulassungen von Hybriden, Plug-In-Hybriden und reinen Elektroautos in 2014 auf Privatkunden oder Unternehmen erfolgt.

Darf man den Herstellern ob dieses Mangels an E-Autos böse sein? Nicht wirklich, denn eine Messe ist nicht nur Schaufenster des technologisch Machbaren, sondern auch ein Marktplatz für die wirklichen Bestseller. Und so kommt einem neuen Audi A4 und einem frischen VW Tiguan eine völlig andere Bedeutung zu als einem angeblichen Massenmodell von Tesla, wie es bereits seit 2013 angekündigt wird.

Was der kalifornische E-Auto-Pionier, der gerne als Vorbild und Schrecken der Branche dargestellt wird, aber schafft, ist auch hierzulande das bestverkaufte E-Auto zu liefern. Der Blick in die Statistik des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) in Flensburg verrät: Teslas Model S wurde 2015 in Deutschland bis Ende Juli 828 mal neu zugelassen. Das sind trotz eines Preises auf S-Klasse-Niveau immerhin knapp 50 Exemplare mehr als vom E-Golf aus Wolfsburg verkauft wurden.

Auf den Plätzen folgen übrigens Kia Soul EV, Nissan Leaf und BMW i3. Nissan hat zwischenzeitlich den Preis des Leaf um rund 5.000 Euro gesenkt und die Reichweite dank neuer Batterien um 25 Prozent und 50 Kilometer gesteigert. Auch Renault reagierte beim Preis des Zoë ähnlich. Das führte zwar bislang nicht zu deutlichen Änderungen im Kaufverhalten, hat aber garantiert diejenigen Käufer geärgert, die kurz zuvor noch den höheren Preis für ihr gutes Öko-Gewissen hingeblättert hatten.

In die schöne neue Welt des lokal emissionslosen Fahrens entführen diese Autos bislang nur wenige Überzeugungstäter, die dafür umso reger auf Fan-Seiten, E-Auto-Blogs und in Foren minutiöse Fahrprotokolle referieren, sachkundig diskutieren und vergleichen, Reichweiten unter diesen und jenen Umständen notieren und nebenbei bekennen, dass sie weitestgehend im Geschwindigkeitsbereich zwischen 70 und 90 km/h unterwegs sind. Auch auf der Autobahn. Weil ja ab Tempo 130 die Reichweite ziemlich schnell dahin ist. Wer gerne Gas gibt, wird sich da wohl denken: Gut, dass es sich hier nur um eine verschwindend kleine Minderheit handelt.

Kommentare zu " IAA 2015: Wir sind (k)ein bisschen elektrisiert"

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  • "vermutlich nicht mehr lange" ..... So ein Wunschdenken (denn etwas anderes ist es nicht) kenne ich schon aus der Zeit Anfang der 80er Jahre von den besonders Schlauen. Dann vermuten Sie mal schön weiter!

    Gäbe es noch die DDR, könnte man Ihnen glatt raten, doch einfach rüberzugehen. Zu schade aber auch, dass es damit vorbei ist, oder?

  • "nebenbei bekennen, dass sie weitestgehend im Geschwindigkeitsbereich zwischen 70 und 90 km/h unterwegs sind. Auch auf der Autobahn. Weil ja ab Tempo 130 die Reichweite ziemlich schnell dahin ist. Wer gerne Gas gibt, wird sich da wohl denken: Gut, dass es sich hier nur um eine verschwindend kleine Minderheit handelt."

    Mag für Deutsche E-Autos gelten, im Model S fahre ich ganz normal 130 km/h+ (mehr ist außer in Deutschland und dort vermutlich nicht mehr lange, in keinem Land der Welt erlaubt, somit unsinnig das zu thematisieren). Und da schmilzt keine Reichweite zusammen, auch wenn es mal 150 sind, dann kommt aber wieder ein 100er - also ist man mit Tempomat bei 130 auch nicht langsamer.

  • Ganz spontan würde ich 40 000 Model S im Jahr und rund 3 Millarden Dollar Umsatz durchaus als Erfolg für Tesla werten. Damit sollte Tesla erfolgreicher sein als der preislich vergleichbare Audi A8, liegt mit dem 7er BMW fast schon gleichauf und selbst die Mercedes S-Klasse kommt auf "nur" 100 000 Exemplare im Jahr. Vor allem in Ländern mit Geschwindigkeitsbegrenzung und hoher CO2-Autosteuer (z.B. alle nordischen Länder) ist Tesla erstaunlich erfolgreich. Den Blick nur auf Deutschland zu lenken ist meiner Ansicht nach etwas kurzsichtig.

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