Industrie will Junge ködern
Den Bikern geht der Nachwuchs aus

Die Rebellen von einst sind grau geworden, doch aufs Motorradfahren wollen sie immer noch nicht verzichten. Zum Beginn der Saison sind sie wieder ausgeschwärmt, die deutschen Motorradfahrer, deren Durchschnittsalter inzwischen deutlich über 40 Jahren liegt.

HB FRANKFURT. Vom „Club der greisen Biker“ schrieb „Der Spiegel“ und die Hollywood-Komödie „Born to be wild - Saumäßig unterwegs“ brummte aus dem Stand auf Platz eins der deutschen Kino- Rangliste. Doch den Bikern geht der Nachwuchs aus, seit mehreren Jahren kämpft die Industrie mit sinkenden Absatzzahlen.

„Wir sind eine bunte Familie geworden“, beschreibt der hessische Motorradpfarrer Ruprecht Müller-Schiemann seine in Wirklichkeit ergrauende Gemeinde. Der 57 Jahre alte Fahrer einer schweren BMW kann sich über mangelnden Zuspruch seiner kirchlichen Veranstaltung zum Saisonstart und -Ende nicht beklagen, gerade waren wieder 20 000 Menschen beim „Anlassen“ in Nieder-Gründau.

Junge Wilde findet man kaum unter „Rupis“ Schäfchen, eher brave Familienväter und -mütter, die Kinder von „ihrem“ Moped-Pfarrer taufen lassen, Mittvierziger aus den Frankfurter Bankentürmen mit den neuesten Maschinen und Veteranen, die schon seit dem Beginn der Motorrad-Gottesdienste in den 70ern dabei sind. Besondere Aktionen für Junge gab es bislang nicht, doch Müller-Schiemann will künftig mit den Neulingen „Lappenfeste“ feiern - auch wenn die Fahrerlaubnis längst ein Plastikkärtchen und kein grauer Lappen mehr ist.

Als wichtigen Grund für das Zögern der Jungen hat die Industrie die heftigen Kosten für den Motorradführerschein in Deutschland ausgemacht. Mindestens 1 000 Euro kostet die Fahrerlaubnis, die zunächst nur für gedrosselte Maschinen gilt. „Das ist für viele schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht machbar“, sagt Achim Marten vom Industrieverband Motorrad (IVM) und nennt die Folge: Mobilität bedeutet für junge Leute erstmal Autofahren, häufig den ohnehin vorhandenen Zweitwagen der Familie.

Auch der noch vor zwei Jahrzehnten fast automatische Weg vom Kleinkraftrad zum schweren Bock wird heute kaum noch angetreten, da im leichten Segment die praktischen Roller dominieren. „Vom Roller geht es eher zum Auto“, sagt Kawasaki-Mann Andreas Seiler.

Er sieht aber noch andere Gründe für die Zurückhaltung: „Es ist nicht allein das Geld, das die Leute abhält.“ Die Jugendlichen verbrächten sehr viel Zeit mit ihren unverzichtbaren Handys und Computern, für die auch reichlich Geld ausgegeben werde. Viele, denen die Abenteuer am Bildschirm genügten, scheuten - häufig unterstützt von ängstlichen Eltern - das Risiko auf der realen Straße. Dabei ist Motorradfahren dank neuer Techniken wie ABS so sicher wie noch nie - wenn auch auf zwei Rädern der Schutzgrad des Autos nicht zu erreichen ist, wie BMW-Sprecher Jürgen Stoffregen einräumt.

Endgültig verloren ist ohnehin das Revoluzzer-Flair der altvorderen „Easy Rider“, mit dem der Travolta-Film gekonnt spielt. Ein Hobby, das der eigene Vater, sein Anwalt und der Zahnarzt von nebenan pflegen, kann für junge Menschen nicht cool sein. Die Industrie zahlt derzeit den Preis für die äußerst einkömmliche Etablierung des Zweirads in breiten Gesellschaftsschichten in den vergangenen Jahren. „Das Rebellen-Image fehlt uns jetzt bei den Jugendlichen“, meint der Sprecher von Kawasaki.

Die Industrie versucht dennoch auf vielen Wegen, die immer seltenere Spezies Jugendlicher spätestens dann anzusprechen, wenn ihr das Auto zu langweilig wird. Der IVM hat zum Beispiel eine Internet- Seite aufgemacht, auf der MTV-Moderator Markus Schultze von seinen „Mopped“-Erlebnissen erzählt und zwischen zielgruppenspezifischen Meldungen (Sängerin Lily Allen findet Victoria Beckham doof) Informationen darüber lauern, welchen Führerschein man für welche Maschine braucht und was der kostet.

Der deutsche Marktführer BMW bietet mit der neuen, in Italien produzierten G-Reihe leichte und ziemlich heiße Bikes an, steigt in den Cross-Sport ein und ködert Neulinge mit einem Rabatt von 1000 Euro beim Kauf einer neuen Maschine. Nahezu alle Hersteller locken zudem mit Sicherheitstrainings und unverbindlichen Fahrangeboten auch für Anfänger. „Wir müssen den jungen Leuten zeigen, was für ein Erlebnis dahinter steckt“, sagt IVM-Sprecher Marten.

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