Interview mit Oldtimer-Preisexperte Frank Wilke
„Spitzenfahrzeuge erreichen immer noch Rekordwerte“

Die Preise für begehrtes „Garagengold“ steigen seit Jahren. Rekord-Auktionsergebnisse erzeugen den Eindruck, Oldtimer seien nur etwas für Millionäre. Ein Profi-Marktbeobachter widerspricht, und warnt vor Anfängerfehlern.

Wenn sie in die Jahre kommen, haben Autos und Wein eines gemeinsam: Dann trennt sich Mittelmaß von Hochwertigem. Mit Sorgfalt gelagert und entsprechend gepflegt, wird Seltenes immer teurer. Die Preise für das begehrte Garagengold steigen schon seit Jahren. Rekordergebnisse auf Versteigerungen lassen den Eindruck entstehen, die Oldtimer-Leidenschaft sei nur etwas für Millionäre. Dem widerspricht Frank Wilke, der als Geschäftsführer von classic-analytics in Bochum mit einem spezialisierten Team seit mehr als 20 Jahren Preise für automobile Pretiosen analysiert. Er warnt im Interview mit Handelsblatt Online aber auch davor, sich überstürzt auf den vermeintlichen Traumwagen zu stürzen, dessen Restauration zum Abenteuer werden könnte.

Handelsblatt: Der Bestand an Pkw, die mehr als 25 Jahre alt sind hat sich laut VDA-Zahlen hierzulande seit 2004 annähernd verdoppelt, der an Fahrzeugen mit mehr als 30 Jahren auf dem Buckel ebenfalls. Sind die Deutschen vom Oldtimer-Sammelvirus befallen?

Wilke: „Das generelle Interesse an Old- und Youngtimern steigt seit Jahren ständig, ob das dann sofort in einen Sammelvirus umschlägt, hängt natürlich vom Grad des Interesses und von der Größe des Geldbeutels ab. Fakt ist aber, dass sich der Interessentenkreis erweitert hat. Früher waren es überwiegend Technikfreaks, Schrauber und Automobilhistoriker, heute kommen auch diejenigen hinzu, die sich als Zweitwagen ein schönes, individuelles Auto gönnen möchten und dabei auch etwas auf den Werterhalt schauen. Reine Investoren ohne Bezug zum Auto sind die absolute Ausnahme.

In Amerika scheint es zum guten Ton zu gehören, Oldtimer auf Auktionen zu ersteigern. Hierzulande ist die Kundschaft beim Zuschlag per Preishammer noch zurückhaltend. Wie viel Prozent des Marktgeschehens werden denn überhaupt von Auktionshäusern (im Gegensatz zu Händlern und dem Privatbereich) abgedeckt?

In Deutschland werden jährlich nur etwa 500 Oldtimer auf Auktionen angeboten, sowohl von britischen und in letzter Zeit auch verstärkt von deutschen Auktionshäusern wie Auctionata. Die Zahl der insgesamt gehandelten Autos über 20 Jahre geht nach einer Studie des VDA allerdings in die Zehntausende. Dem deutschen Kunden ist ein Autokauf ohne Probefahrt immer noch etwas suspekt.“

Nicht nur seltene Ferrari und Mercedes 300 SL erzielen auf Auktionen Rekordpreise, auch alte Alltagsautos wie VW „Bulli“ oder die 2CV „Ente“ von Citroen werden schon seit Jahren immer wertvoller. Ab welchem Betrag lohnt es sich denn überhaupt in Oldtimer zu investieren, wenn es nicht nur um entschleunigten Fahrspaß gehen soll?

„Wer durch den Wertzuwachs, derzeit etwa fünf Prozent jährlich, nicht nur die laufenden Unterhaltskosten auffangen will, sondern in Richtung Geldanlage schaut, sollte nicht unter 100.000 Euro einsteigen. Hier ist das Investitionsrisiko noch überschaubar, trotzdem bietet sich in dieser Preisklasse die Aussicht auf interessante Wertentwicklungen, insbesondere bei jüngeren Sportwagen aus den 80er und 90er Jahren.“

Wenn bei Versteigerungen zweistellige Millionenbeträge für extrem gut erhaltene und höchst rare Chromjuwelen bezahlt werden, hat das dann überhaupt einen Einfluss auf (steigende?) Preise für jetzt aktuelle Oldtimer etwa aus den frühen 80er Jahren, die ja – wie z.B. der Golf GTI - überwiegend Massenware sind?

„Einen prozentual messbaren Einfluss gibt es natürlich nicht, trotzdem haben solche Meldungen eine gewisse Signalwirkung für den gesamten Old- und Youngtimermarkt. Sie zeigen, dass es sich bei der Oldtimerei nicht um eine kurzlebige Spinnerei einer kleinen Minderheit, sondern um ein international etabliertes Hobby mit hohem Wirtschaftsfaktor handelt. Leider entsteht dabei manchmal der Eindruck, dass sich nur Multimillionäre interessante Autos leisten könnten, in Wahrheit liegt der Durchschnittswert eines Oldtimers in Deutschland bei etwa 15.000 Euro.“

Bis auf wenige Rücksetzer steigen die Preise für gepflegte Oldtimer seit Jahren. Parallel zu Rekordergebnissen auf prominenten Auktionen sehen wir aber auch, dass rare-Porsche- und Mercedes-Modelle keine Käufer finden. Sind das Anzeichen einer Preisblase?

„Eine Preisblase deutet sich meistens dadurch an, wenn plötzlich massenhaft beliebte Fahrzeuge weit unter Wert angeboten werden, das ist aber gegenwärtig nicht der Fall. Nach teilweise rasanten Preisentwicklungen in den letzten fünf Jahren atmet der Markt im Moment einfach durch. Spitzenfahrzeuge erreichen immer noch Rekordwerte. Bei Autos, die in größeren Stückzahlen gebaut wurden wie zum Beispiel Porsche 911 oder Mercedes SL achten potentielle Käufer immer mehr auf Qualität. Eine schöne Lackierung reicht längst nicht mehr, um einen guten Preis zu erzielen, die Substanz muss stimmen. Darüber hinaus merken viele Einsteiger jetzt, dass die erwähnten Porsche und Mercedes in reichhaltiger Auswahl vorhanden sind und verspüren keinen Entscheidungsdruck.“

Der spektakuläre Fall des Beraters Helge Achenbach, der seinem Klienten, einem Aldi-Erben, überteuerte Oldtimer aufschwatzte, sorgte für Schlagzeilen, aber auch für Verunsicherung. Wie schützt man sich wirksam vor Betrügern?

„Das ist ein Extremfall, in dem mit krimineller Energie ein persönliches Vertrauensverhältnis und die Unwissenheit eines zahlungskräftigen Autofans ausgenutzt wurde. Wer den Wert eines Fahrzeugs nicht selbst einschätzen kann, sollte sich nie auf die Empfehlungen einer einzelnen Person verlassen, sondern immer neutrale Experten zu Rate ziehen. Das kann ganz einfach durch Anruf bei einem etablierten Oldtimer-Händler geschehen, durch ein Sachverständigengutachten. Auch wir recherchieren im Auftrag von Versicherungen immer häufiger schon im Vorfeld die Historie und den Wert eines Autos, noch bevor es gekauft wird - das verhindert Enttäuschungen bei allen Beteiligten.“

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