Kfz-Versicherung
Autoteile-Diebe richten großen Schaden an

Internationale Banden haben sich auf das Klauen von Autoersatzteilen spezialisiert. Das kostet die Gemeinschaft der Kaskoversicherten Millionen.

Tagsüber sahen sie so harmlos aus wie drei Polen mit einem Reisepass. Nur dass die jungen Männer für die Hamburger Touristenattraktionen kein großes Interesse zeigten. Selbst die Reeperbahn ließen sie zur dort üblichen Tatzeit links liegen, sie waren nicht zum Vergnügen in der Stadt. Diesmal standen Autoteile der Marke Ford Galaxy ganz oben auf der Bestellliste. Das Expertenteam für illegale Ersatzteilbeschaffung machte sich an die Arbeit - und auf sich aufmerksam.

Wochen später ein Anruf bei der Polizei in Hamburg-Billstedt: Ein Zeuge hat auf dem Barckhusendamm drei Männer beobachtet, wie sie mit Taschenlampen einen Ford Galaxy ausleuchten. Als die Polizisten eintreffen, sind die Verdächtigen schon weg.

Kein Grund aufzugeben. Seit geraumer Zeit beobachten die Beamten einen "Anstieg von Autoaufbrüchen, insbesondere aus Fahrzeugen der Marke Ford Galaxy", erklärt Ralf Kunz von der Hamburger Polizei später. Die akribisch geführte Diebstahlstatistik spricht dafür, dass die gleichen Täter am Werk sind, "dass eine Serie gelegt wird", so Kunz, und sie spricht dafür, dass die Autodiebe ihr Glück in derselben Nacht noch einmal herausfordern werden. Dank ihrer kriminalistischen Buchhaltung wissen die Fahnder, wo und wonach sie suchen müssen. Zweieinhalb Stunden später erwischen sie die drei Polen auf frischer Tat: Sie hatten im gleichen Stadtteil ein Auto aufgebrochen. Einen Ford Galaxy.

Abtransport nach Osteuropa

Dass Straßenräuber auf bestimmte Autotypen fixiert sind, ist keine Seltenheit. Nicht immer verschwindet dabei das ganze Auto. Diese Delikte haben dank Wegfahrsperre sogar stark abgenommen. Im vergangenen Jahr wurden bundesweit 63.240 Kraftwagen als gestohlen gemeldet, rund zehn Prozent weniger als 2002. Dafür hält sich die Zahl der Fälle, in denen die Autoknacker von Fahrzeugen einzelne Bauteile abmontieren, mit gut 163.000 auf kostant a hohem Niveau. Die Kaskoversicherer kostet der Teileklau immer mehr: 2002 erreichte die Schadenssumme rund 270 Millionen Euro. Das waren 5,6 Prozent mehr als 2001.

Mitunter nehmen Diebe Fahrzeuge nur mit, um sie in Ruhe auszuschlachten. Was sie nicht brauchen, wird im Wald versteckt. Bis ein Förster oder Pilzesammler die gefledderte Autoleiche entdeckt, sind die erbeuteten Ersatzteile aus dem Land geschafft. Das Gros geht nach Osteuropa. Das Risiko der Verbrecher beim Grenzübertritt ist gering. "Autoteile sind sehr schwer zu identifizieren", nimmt Kriminalhauptkommissar Rolf Wittmann seine Kollegen am Schlagbaum in Schutz. Zumindest schwerer als ein Auto. Wittmann leitet bei der Darmstädter Kripo eine Arbeitsgruppe, die sich ganz der Jagd von Autoknackern verschrieben hat.

Offenbar mit Erfolg. Die zehnköpfige Taskforce für Autodiebstahl existiert erst seit März 2004. Seitdem steigerten die Darmstädter Kriminalpolizisten die Aufklärungsquote bei Diebstählen aus und an Fahrzeugen auf 25 Prozent der Delikte. Vorher waren die Südhessen nicht besser als andere - die Aufklärungsquote beim Teilediebstahl liegt bundesweit unter zehn Prozent.

Gefragte Ware aus Wohngebieten

Begehrt ist, was teuer ist und sich leicht verscherbeln lässt. Dabei ändern sich die Vorlieben der Diebe fast so schnell wie die Trends auf dem Laufsteg der Modeindustrie. Mal sind Xenon-Lichter von Daimler oder BMW in, ein andermal elektrisch verstellbare Außenspiegel, im Norden sind derzeit offenbar Sitze für die Familienkutschen VW Scharan und Ford Galaxy gefragt.

In Bremen wunderte sich nicht nur ein Wissenschaftler für Humangenetik kurz vor der Abfahrt zum Strandurlaub an der Nordsee über den Verbleib seiner Galaxy-Sitzgarnitur. Sein Nachbar hatte den gleichen Platzverlust schon zwei Wochen früher in seinem VW Scharan zu beklagen. Ein Dauerbrenner sind Navigationsgeräte. Die elektronischen Wegweiser sind für Diebe heute das, was früher das Autoradio war: leichte Beute mit Aussicht auf hohen Gewinn.

Unterschiede machen Autodiebe nicht nur bei den Bauteilen und Automarken. Auch beim Standort sind sie wählerisch. Besonders gefährdet sind laut Wittmann "ruhige Wohngebiete in der Nähe von einem Autobahnanschluss". Das ist wie ein Drive-in für Diebe auf Durchreise. Nachts fallen sie wie ein Überfallkommando ein, knacken in null Komma nichts eine Serie von Wagen - und weg sind sie. Für ein Navigationsgerät braucht ein Profi "zwei oder drei Minuten", weiß Wittmann. "Es gibt Regionen, in denen es die Geschädigten innerhalb von 14 Tagen mehrmals getroffen hat."

Versicherte unter Druck

Die Möglichkeiten der Autofahrer, ihr rollendes Hab und Gut zu schützen, sind beschränkt. "Sie können aus einem Fahrzeug kein Bollwerk machen", sagt Wittmann. Am meisten Schutz bietet eine Garage. Mit Alarmanlagen wähnen sich Straßenparker in trügerischer Sicherheit. Für Profis ist das ein Kinderspiel.

Selbst eine Teilkaskoversicherung spendet Geschädigten nicht immer vollständig Trost. Zwar gilt der Teilediebstahl als versicherter Schaden. Doch die Versicherung zahlt nur, was über der Selbstbeteiligung liegt. Diese beläuft sich in der Regel auf 150 Euro bis 300 Euro pro Schaden. So viel zahlt der Bestohlene auf jeden Fall aus der eigenen Tasche. Wer Pech hat und mehrere Male im Jahr von Autoknackern heimgesucht wird, macht sich bei seiner Versicherung auch noch unbeliebt. Gut möglich, und die Versicherung kündigt den Vertrag, nur weil ihr der Kunde zu teuer geworden ist.

Mancher geschädigte Autofahrer verzichtet deshalb auf ein neues Bauteil, wenn es nur knapp die Schallgrenze der Selbstbeteiligung nimmt, und schaut sich im Internet nach einem Ersatz aus zweiter Hand um. Die virtuellen Flohmärkte halten so einen Wirtschaftskreislauf in Schwung, wie er absurder kaum sein könnte: Durch ihre illegale Art der Ersatzteilproduktion schaffen Diebe bei ihren Opfern zugleich die Nachfrage, die sie über das Internet bedienen. "Wir haben Fälle, in denen gestohlene Navigationsgeräte über Ebay versteigert wurden und sogar die Gerätenummer angegeben wurde", sagt Wittmann. Wo auch immer die Geräte geklaut werden, ihr Weg ins Internet führt oft über Hintermänner in Berlin, Hamburg und Lübeck.

Quelle: Wirtschaftswoche Nr. 36 vom 26.08.2004 Seite 117

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