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Die Opel-Krise hat einen Namen

2011 lieferte Opel einen Verlust von 440 Millionen Euro ab. General Motors reagiert wie eine gestrenge Mutter. Dabei sind die Amerikaner selbst die Ursache für die Misere. Sie lernen einfach nichts dazu.
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DüsseldorfIn den ersten drei Quartalen 2011 erwirtschafteten Opel und Vauxhall einen Verlust von 440 Millionen Euro. Die Mutter GM glänzte im gleichen Zeitpunkt mit einem Gewinn von über acht Milliarden Dollar. Augenblicklich griffen die Watschenmänner in Detroit wieder nach den dicken Keulen, um Opel als Hauptverantwortlichen für die Europa-Misere wieder zur Räson, sprich in die Gewinnzone zu bringen. Mit altbekannten Mitteln wie Werkschließungen, Entlassungen und weiteren umfassenden Spar- und Rationalisierungsmaßnahmen. Dazu passt auch die Verfügung der ausschließlich Begrenzung auf den europäischen Markt. Wie bei einem unartigen Kind, das mit Hausarrest bestraft werden soll. Was soll das?

GM ist selbst die Ursache für die Misere. Der größte Autobauer der Welt basiert seit seiner Gründung 1908 auf den ökonomischen Grundlagen des puren Kapitalismus, stets und ausschließlich auf kurzfristigen Gewinn ausgerichtet. Dafür, so denken die Amerikaner, sind Visionen und solide Partnerschaften eher hinderlich. GM-Gründer William C „Carpo“ Durant, hatte sich bereits vor 1908 als skrupelloser Spekulant einen Namen gemacht. Durant schmiedete den Auto-Konzern mit rüden Methoden; und stets aus der Sicht eines Bankers und nicht aus der eines Autobauers.

Als die Amerikaner 1929 Opel übernahmen, traten sie sicher auch als Retter auf. Die Wirtschaftskrise hatte den Traditionshersteller und größten deutschen Autobauer angeschlagen, so dass nur die Übernahme das Überleben garantieren konnte. Diese Maßnahme war natürlich nicht wohltätigen Aspekten geschuldet. Es ging aus GM-Sicht um gutes Investment in Expansion für noch sattere Gewinne. Um die Eroberung des deutschen bzw des europäischen Marktes, weil die US-Autos Produkte wegen Preis, Größe und Zoll in der alten Welt zum Scheitern verurteilt waren.

Während des Krieges war Opel der wichtigste Lkw-Lieferant der Wehrmacht und baute Unverzichtbares für Panzer und Flieger. 18.500 Opelaner ließen Räder für den Sieg rollen. Den Profit aus diesen Bemühungen kassierte die amerikanische Mutter unverfroren nach dem Motto „Business as usual“; auch wenn amerikanische GIs an der Westfront zu Zigtausenden Leben oder Gesundheit verloren. Nach dem Krieg entblödete sich GM zudem nicht, beim amerikanischen Staat Reparationsleistungen für die von amerikanischen Bombern zerstören Werksanlagen von Opel zu fordern.

Am Profit, den Opel über Dekaden in der Nachkriegszeit mit deutscher Gründlichkeit erwirtschaftete und Jahr für Jahr nach Detroit überwies, gab es aus amerikanischer Sicht nie etwas auszusetzen. Im Gegenteil, der Erfolg weckte immer weitere Begehrlichkeiten. GM erlag der Verlockung, Opel nicht nur als tüchtige Tochter zu behandeln, sondern deren Reize und Fähigkeiten konzernweit zu prostituieren. Um die deutschen Gewinne nicht versteuern zu müssen, drückte GM den Rüsselsheimern immer mehr Entwicklungsarbeiten auf.

Den entsprechenden Aufwand schrieben die Amerikaner als Verlust in Rüsselsheim ab, die Vorteile, die GM-Töchter in anderen Ländern daraus zogen, konnten dort als Gewinn verbucht werden. So entwickelte Opel beispielsweise in den Neunzigern eine Top-Version des Opel Omega mit einem 5,7-Liter-V8. Das Auto wurde in Deutschland so nie gebaut und vermarktet, die fertige Entwicklung zur australischen GM-Tochter Holden umgeleitet. Den Aufwand mussten die Australier nie ausgleichen. Nur eines von vielen Beispielen aus der Vergangenheit.

Die amerikanische Reaktion auf die aktuellen Verluste in Rüsselheim zeigen, wie rudimentär das Kurzzeitgedächtnis in Detroit ausgeprägt ist. Gerade vor drei Jahren, 2009 war GM ein Pleitekandidat mit rund 100 Milliarden Schulden. Ohne den amerikanischen Steuerzahler hätte heute bei GM niemand mehr einen Job. Und schon gar keinen, mit dem er eine dicke Lippe riskieren kann.

Wenn Opel die Entwicklung wettbewerbsfähiger Produkte konsequent verschlafen oder sich andere gravierende strategische Fehler geleistet hätte, würde das Unternehmen zu Recht am Fliegenfänger hängen. Doch schon die Entscheidung, dass sich Opel/Vauxhall nur auf dem europäischen Markt engagieren dürfen, wirkt wie eine Eisenkugel an der Ferse eines Wettläufers. Wettbewerber wie Citroen oder Skoda beweisen eindrucksvoll, dass gerade in China große Chancen auf europäische Autos warten, und die Kassen klingeln lassen, wenn sie genutzt werden.


Trotzdem bedeutet GM den Europäern: Ihr müsst draußen bleiben. In Asien darf nur die GM-Tochter Chevrolet absahnen. Komischerweise haben die Amerikaner nichts dagegen einzuwenden, dass sich auf "Chevy" umgelabelten koreanische Autos in Europa ohne jede Einschränkung dem Wettbewerb stellen dürfen.

Der aktuelle Erfolg von GM kann sich jedoch schnell als Strohfeuer erweisen. Die wirtschaftliche Erholung, auch in den USA, bringt wieder den hemmungslosen Verkauf der dicken Schluckspechte so verlockend in Gang, dass die GM-Verantwortlichen einmal mehr die Entwicklung sparsamer Antriebe und zukunftsträchtiger zugunsten kurzfristigen Profits verpennen werden. Hybride? Kleinvolumige Motoren? Diesel? Leichtbau, E-Autos? Auch in Genf wird GM solche Fragen mit einem Schulterzucken quittieren und beispielsweise die neue Mittelklasse Limousine ATS von Cadillac zeigen. Die hat mangels moderner Antriebe und Assistenzsysteme gegen Audi, BMW und Mercedes weltweit so viel Chancen, wie ein Rollstuhlfahrer beim Tango-Wettbewerb.

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  • @oeconom : Opels sind! GM's Fahrzeuge! Opel entwickelt nicht in Eigenregie! Opel ist ein Produkt von GM. Ausserdem, was würde es GM bringen die Marke Opel in den USA einzuführen??? Die haben vor 2 Jahren ihr Markenportofolio geschrumpft und Übersicht geschafft. Ob Opel, Buick, Chevrolet oder Cadillac, es sind alle die gleichen Autos (Klein bis Mittelklasse)!!! Auch wenn die Fahrzeuge in Europa von Opel entwickelt wurden, sind es trotzdem GM Entwicklungen. Die in europa entwicjelten GM Autos werden in den USA als Buick verkauft.. GM hätte Opel auch in Chevrolet oder Buick oder Tuttifrutti umtaufen können. Opel ist bloss ein MarkenNAME! Detroit sollte sich vielleicht ernsthaft darüber Gedanken machen die Marke Opel sterben zu lassen und umbenennen. Dass Opel schlecht verkauft wird liegt einfach am Image. Siehe früher Edsel in den USA.

  • @Passat21
    gm verkauft insignia und astra in usa und china als buick.Steckt das geld ein und opel sieht keinen cent dafür, obwohl sie von opel entwickelt wurden! das ist der unterschied zu mercedes und vw.

  • Statement oeconom :
    Leider nicht ganz richtig: So wird z.Bsp. der OPEL INSIGNIA als unter der Marke Buick sowohl in China als auch in USA erfolgreich verkauft.
    In 2011 wurden mehr als 30.000 dieser Fahrzeuge in Rüsselsheim als Buick für die USA produziert, und werden jetzt in USA gebaut. In China wird er seit Beginn gebaut. Die Situation ist nicht anders als bei vielen anderen Unternehmen - möglichst dort zu bauen wo der Verkauf stattfindet. Gründe dafür sind Produktionskosten, Währungsgegebenheiten und Importzölle! Nur dann kann es ein profitabler Business sein.
    Eigenartigerweise gibt es kaum Diskussionen darüber, warum Mercedes und BMW ihre SUV´s überwiegend in USA bauen und in die ganze Welt exportieren - inkl. Deutschland. Und das sind doch hochpreisige Fahrzeuge, oder?

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