Krisenforscher Roselieb
„Ich rate zu weniger Großkotzigkeit“

Der ADAC versinkt im Chaos. Nach dem Rücktritt des Präsidenten Peter Meyer braucht der Club dringend eine neue Struktur. Krisenforscher Frank Roselieb erklärt im Interview, wie der ADAC Vertrauen zurückgewinnen kann.
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Handelblatt: Herr Roselieb, der Schnitt ist da – ADAC-Präsident Peter Meyer ist zurückgetreten. Welche Aufgaben sollte der Nachfolger als Erstes angehen?

Roselieb: Der Nachfolger sollte zunächst einmal nicht aus der Automobilbranche stammen, sondern jemand Externes sein. Er muss eine nachhaltige Untersuchung angehen und diese öffentlich machen. Am besten, indem der ADAC einmal alle 19 Millionen Mitglieder einlädt, zum Beispiel in das Münchner Allianz Arena, und damit das Signal aussendet: Bei uns darf jeder mitreden.

Welche Gefahren lauern?

In Krisenfällen machen viele Menschen den Fehler, dass sie nur an den Symptomen herumdoktern, aber nicht die Ursache finden. Das ist eine Gefahr, die ich aktuell auch beim ADAC als sehr hoch einschätze. Nur ein Vier-Augen-Prinzip einzuführen reicht zum Beispiel nicht. Vielmehr muss man sich fragen, warum der Druck so hoch ist, dass die Verantwortlichen die Rangliste der beliebtesten Autos gefälscht haben.

Ist der ADAC in seiner jetzigen Vereinsstruktur überhaupt reformierbar?

Im Prinzip schon. Auch Verbände wie der AvD sind als Verein organisiert, aber der Unterschied ist, dass sie viel schlanker aufgestellt sind. Die Kernfrage ist, welche Nebengeschäfte zu der Vereinstätigkeit des ADAC noch passen – und welche in anderen Unternehmensformen wie etwa einer GmbH ausgelagert werden sollten. Flugrettung gehört für mich beispielsweise nicht zwingend zum Kerngeschäft.

Wie stark ist das Vertrauen eigentlich erschüttert?

Aus der Krisenforschung kennen wir zwei Seiten des Vertrauens: das gefühlte und das marktrelevante Vertrauen. Auch wenn das gefühlte Vertrauen ziemlich kaputt ist, so gilt das noch lange nicht für das marktrelevante Vertrauen, das sich in signifikanten Austritten offenbaren würde. Aber die sind ja nicht festzustellen. Der ADAC hat den Vorteil, dass er ein „Low Involvement“-Produkt anbietet – ein Produkt, mit dem sich der Kunde eigentlich wenig beschäftigen will. 50 Euro Jahresbeitrag sind schließlich billiger als jede Abschleppkosten. Deshalb finde ich: Das Misstrauen ist gar nicht so hoch.

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„Ich rate zu weniger Großkotzigkeit“

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„Ein gewisses Maß an Selbstherrlichkeit“

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  • Okay, der ADAC ist beim Vertrauen dort unten angelangt, wo sich unsere politischen Parteien schon längst befinden.
    Den Politikern täte es auch mal gut, nicht so "großkotzig" und selbstherrlich aufzutreten. Deren Ausgabenverhalten (z.B. per Rentenreform) ist per se von Überheblichkeit geprägt und inakzeptabel.
    Beim ADAC habe ich zumindestens einen Mehrwert und ich hoffe, der Verband fängt sich möglichst bald und kann wieder wirkungsvoll die Interessen der Autofahrer vertreten gegenüber der Klientel, die sich einen lästigen Kritiker vom Halse schaffen wollen, nämlich Politiker der Parteien.
    Kopf hoch ADAC...

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