Lexus IS F
Fliegender Ölteppich

Plötzlich wird der Lexus unruhig, mitten in der Steilwandkurve des Caracciola-Karussels. Wird schon richtig sein, denkt der unbedarfte Fahrer, der grobe Fahrbahnbelag aus Rüttelbeton ist wohl nicht mehr der Neueste. Dann krächzt die Stimme von Christopher Bartz aufgeregt aus dem Funkgerät in der Mittelkonsole: „Scheiße, das ist eine Ölspur.“

Bartz ist Leiter der Motorsportakademie am Nürburgring und hat die Aufgabe übernommen, den Weekend-Autor in die Geheimnisse von Deutschlands bekanntester Rennstrecke einzuweisen. Erkundungsfahrzeug ist der Lexus IS F. Die Japaner haben ihrer kleinsten Limousine einen Fünf-Liter-V8-Motor spendiert, der Sportlimousinen vom Schlage eines BMW M3 und Audi RS4 das Leben schwermachen soll: 423 PS, gelochte Scheibenbremsen, Sitze mit massiven Seitenwangen, ein bretthartes Fahrwerk. Gleichzeitig sorgt die Limousine mit feinster Lederausstattung, einem massiven und wie aus dem Vollen gefräst wirkenden Armaturenbrett sowie Türen, die mit dem satten Klang eines Panzerschranks ins Schloss fallen, für echtes Wohlfühl-Ambiente.

Doch als Nordschleifen-Novize sollte man sich nicht allein auf die Könner-Gene seines Autos verlassen. „Auf der Nordschleife ist meistens der Fahrer der limitierende Faktor, nicht das Auto“, sagt Bartz. Will sagen: Auch im Über-Lexus ist man als Anfänger nicht davor gefeit, sich von flott gemachten Polos mit einheimischen Kennzeichen überholen zu lassen.

Grundsätzlich darf im sogenannten Touristenverkehr alles auf die Strecke, was eine Zulassung hat: Autos, Motorräder, Roller, Busse und Wohnmobile. Auf dem Parkplatz vor der Zufahrt zur Rennstrecke sieht das Bild allerdings homogener aus: Gefährlich dreinblickende Motorrad-Geschwader und Porsche 911 aller Baujahre und Spezifikationen stehen da neben Exoten wie einem Nissan Skyline GTR aus England und einem Mitsubishi Rallye-Ableger Evo VII aus der Schweiz. In der Ferne kreischen Motoren kurz vorm Drehzahlbegrenzer.

Die grellen Scheinwerfer der Ringprofis tauchen bereits nach den ersten Kurven im Rückspiegel des Lexus auf. Der blendet praktischerweise automatisch ab, das beruhigt die Nerven. „Wir halten uns jetzt mal rechts“, rauscht es aus dem Funkgerät. Also blinken und die Kurve ganz außen fahren, damit die Motorradfahrer im Heck des Lexus nach dem Kurvengeschlängel Ausgang Hatzenbach endlich innen vorbeiziehen können. Dann geht’s in die schnelleren Streckenabschnitte Schwedenkreuz und Fuchsröhre: „So, und jetzt geben wir mal ein bisschen Gas“, befiehlt Bartz.

Die Automatik muss sich kurz sortieren, bis sie aus den acht verfügbaren Gängen den richtigen gewählt hat. Zwei Gänge weniger hätten es vermutlich auch getan. Denn der Lexus schiebt aus so ziemlich jeder Drehzahl mächtig los, und der Pilot genießt für einen kurzen Moment das Gefühl, er könnte rennsportlich Auto fahren. Der Lexus schaltet schnell und hart, ab dem zweiten Gang überbrückt das Getriebe den Automatik-Wandler und hämmert die Gänge per automatisierter Kupplung auf die Antriebswelle.

Auch akustisch lässt der Lexus sich nicht lumpen und untermalt die Beschleunigungsorgie ab 4 000 Umdrehungen mit feinstem Trompetenklang aus seinen vier Auspuffrohren, als hätten sich die verschlossenen Pforten eines Orchestergrabens geöffnet. Die schließen sich abrupt wieder bei der Anfahrt zum Adenauer Forst: „Die langsamste Kurve der Strecke“, warnt Bartz über Funk. „Wird oft unterschätzt, weil der Abschnitt vorher ziemlich flott ist.“ Zum Beweis steht rechts ein BMW M3 im zerfurchten Gemüse.

„Jetzt erst einlenken!“ kommt der Befehl vor der nächsten Linkskurve. Auf die folgenden hastigen Lenkkorrekturen reagiert der Lexus mit stoischer Ruhe; die 255er Reifen denken noch nicht einmal ans Quietschen. Erst auf der Ölspur im Karussell wird es rutschig, aber dafür kann der Lexus nichts. „Man sollte immer ein bisschen Platz zum Limit lassen“, sagt Bartz. „Dann wirft einen so eine böse Überraschung nicht aus der Bahn.“ Mehr als die Hälfte der über 70 Kurven auf der Nordschleife ist blind, also nicht einsehbar. Der Porsche ohne Öl steht einige Meter weiter am Streckenrand, macht für den Fahrer rund 150 Euro für den Abschleppwagen plus Straßenreinigung. Und die Strecke bleibt fürs Erste gesperrt.

Der Lexus darf hingegen auf der Autobahn endlich wieder da fahren, wo er hingehört: auf der Überholspur.

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