Made in Germany: Turbodiesel-Motorrad
Das muss Kesseln!

„Hölle!“ Einfach nur: „Hölle!“: In Kiel baut Philipp Hitzbleck das erste Turbodiesel-Motorrad der Welt, bärenstark und teuer, aber sanft wie ein Kätzchen. Und natürlich - alles startete einst mit den Werner Comics.

KIEL. Manfred Dürnholz stieg nach ausgiebiger Probefahrt von der Maschine, kniete sich davor und sagte: „Hölle!“ Einfach nur: „Hölle!“ Philipp Hitzbleck erzählt die kleine Episode mit diebischer Freude. Schließlich war Dürnholz nicht irgendwer, sondern „Entwicklungsdirektor Dieselsysteme“ bei Bosch. Die Höllenmaschine, die dem Mann so viel Respekt abnötigte, war Hitzblecks Idee: Das erste Turbodiesel-Motorrad der Welt. Sein Name: Neander.

Mit seinem walzenartigen Hinterreifen und dem geweihförmigen Lenker lässt die Neander jeden Motorrad-Freak sofort an Werner-Comics denken. Und die Parallele ist alles andere als zufällig: Die Neander entsteht in Kiel, Werftbahnstraße 8 – genau in jenen Räumen, in denen einst die Achterbahn AG residierte. Das Unternehmen vermarktete die genialen Comics von Rötger Werner Feldmann, Künstlername Brösel, samt Filmen und Merchandising-Artikeln von „Meister Rörich“-Zigarren bis zum Bier „Bölkstoff“.

Achterbahn ging 1997 an die Börse. Die Kassen waren voll, die New Economy schickte sich gerade an, das Land in einen kollektiven Rausch zu versetzen. Es war die Zeit der Schnaps-Ideen, oder – um mit Werner zu sprechen – der Bölkstoff-Ideen. Und so eine war die Sache mit dem Diesel-Motorrad auch – zumindest anfangs.

„Im Jahr 2000 habe ich zu Rötger Feldmann gesagt: Warum bauen wir eigentlich kein eigenes Motorrad. Eines, das die Welt noch nicht gesehen hat“, erzählt Philipp Hitzbleck, damals Marketingleiter bei Achterbahn, heute Aufsichtsratschef bei Neander Motors. „Brösel“ war sofort begeistert, er träumte schon lange von einem Renn-Chopper.

Betriebswirt Hitzbleck sprach über seine Idee auch mit dem Ex-Motorradprofi Martin Wimmer, einst abonniert auf Grand-Prix-Siege. „Der faltete mich erstmal auf Normalmaß zusammen“, erinnert sich Hitzbleck. „Motorräder gibt es schon seit mehr als 100 Jahren, was willst du da noch erfinden? Es gibt schon alles. Na ja, bis auf ein Bike mit Turbodiesel-Motor.“ Hitzbleck dachte: Turbodiesel bedeutet Beschleunigung, und Beschleunigung ist genau das, was Biker wollen.

Was sie allerdings nicht wollen, sind Vibrationen, und auch die liefern Dieselmotoren reichlich. Zwischen der Vorderachse eines Autos, von allen Seiten gut gedämmt, ist das Geschüttel des Selbstzünders unproblematisch. Aber unter dem Sattel?

Wimmer brachte Hitzbleck mit Rupert Baindl zusammen. Der Konstrukteur und Motorenbauer tüftelte in Geretsried nahe München an einem Motor mit doppelter Kurbelwelle, angetrieben von zwei Pleuelstangen pro Zylinder. Vorteil: Die Vibrationen der einen Pleuelstange werden von der anderen eliminiert, der so betriebene Motor schnurrt sanft wie ein Kätzchen. Baindl hatte auf dieser Basis schon einen Benzin-Einzylinder entwickelt, der 14 000 Umdrehungen pro Minute schaffte. Die Technik, um die Bärenkräfte des Diesels zu nutzen und ihm zugleich das Rappeln abzugewöhnen, stand also zur Verfügung. Theoretisch. Doch praktisch kam erst einmal etwas Dummes dazwischen: 2002 meldete die Mutterfirma Achterbahn Insolvenz an. Die Firma hatte sich mit der Lizenz für Harry-Potter-Produkte verhoben.

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