Merkwürdige IAA 2017

„Zeit der Reifenkicker ist vorbei”

Das wichtigste Auto des Jahres wird auf der IAA nicht zu sehen sein, das Tesla Model 3. Und viele andere große Marken fehlen ebenfalls in Frankfurt, dafür ist Facebook präsent. Hat sich die klassische Messe überlebt?
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Ob die Messehallen in diesem Jahr wieder so voll werden, ist fraglich Quelle: dpa
Besucherandrang war auf früheren IAA-Ausgaben stets die Regel

Ob die Messehallen in diesem Jahr wieder so voll werden, ist fraglich

(Foto: dpa)

Zur IAA-Eröffnung wird wieder die Kanzlerin erwartet - in schweren Zeiten kann die deutsche Autoindustrie Zuspruch gut gebrauchen. Doch auch Angela Merkel dürfte nicht mit Kritik sparen. Denn sie muss zehn Tage vor der Bundestagswahl den Anschein enger Kumpanei vermeiden.

Dieselkrise und Kartellverdacht - die diesjährige IAA (14.-24. September) kommt für die Industrie eigentlich zur Unzeit. Auf Pressekonferenzen und im Einzelgespräch werden die Hersteller ihre teils fragwürdige Abgasstrategie erläutern müssen und die nunmehr verabredete Nachrüstung von 5,3 Millionen Autos via Update verteidigen.

Zehn richtig Wichtige für die IAA
Audi A8
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Technisch haben die Ingolstädter die vierte Generation ihrer Top-Baureihe auf ein eindrucksvolles Niveau gehoben. Vor allem bei den autonomen Fahrkünsten dringt der A8 in neue Sphären vor. So soll die Oberklasse-Limousine künftig bis 60 km/h vollautomatisch fahren und auch auf Knopfdruck selber einparken können...

Audi A8
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Zudem gibt es ein 48-Volt-Bordnetz, über 40 Assistenten, ein neues Hightech-Fahrwerk sowie ein neues Bedienkonzept mit vielen Displays und wenig Knöpfen. Bei den Motoren bleibt der A8 weitgehen konventionell. Ein prestigereicher W12 wird wieder zu haben sein, aber auch ein Plug-in-Hybridantrieb, der 50 Kilometer rein elektrischer Reichweite erlaubt.

Link: Hier finden Sie eine ausführliche Bilderstrecke zm A8

BMW X3
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Der SUV-Boom nimmt kein Ende. Entsprechend pflegt BMW sein großes Modellangebot und stellt auf der IAA die nunmehr dritte Generation des X3 vor. Diese kommt weitgehend konventionell vorgefahren, gibt sich allerdings schnittiger, leichter und aerodynamischer als bisher...

BMW X3
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Der Innenraum bietet viel Komfort, einen 10,2 Zoll großen Touchscreen sowie einen von 550 auf 1.600 Liter erweiterbaren Kofferraum. Das Motorenangebot umfasst Benziner und Diesel mit einem Leistungsspektrum von 184 bis 360 PS. Neue Assistenzsysteme und neue Online-Funktionen sorgen für mehr Sicherheit und Komfort.

Jaguar E-Pace
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Auch bei Jaguar ist man auf das SUV-Segment aufmerksam geworden. Nach dem F-Pace bringen die Briten nun mit dem E-Pace einen kompakten Hochbeiner auf den Markt. Dieser bietet innen ein hochauflösendes Head-up-Display, vier 12-Volt-Ladeanschlüsse, fünf USB-Buchsen und einen WLAN-Hotspot...

Jaguar E-Pace
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Bei den Sicherheitssystemen gibt es Notbremsassistent, Verkehrszeichenerkennung und Abstandtempomat. Das Kofferraumvolumen beträgt mindestens 577 Liter und lässt sich auf bis zu 1.234 Liter erweitern. Für den mindestens 35.000 Euro teuren E-Pace werden Benziner und Diesel mit 150 bis 300 PS zur Wahl stehen.

Kia Stonic
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Den Ausbau seiner SUV-Palette setzt Kia auf der IAA nach unten fort. Mit dem Stonic kommt ein lediglich 15.790 Euro teures Modell für den Einsatz im Großstadtdschungel. Der 4,20 Meter kurze Neuling bietet ein aufregendes Design und eine abwechslungsreiche Farbpalette...

Es geht um nicht weniger als um die Zukunft des Verbrennungsmotors mit seiner speziell deutschen Dieselvariante. Gleichzeitig müssen die Autoriesen ihre Kompetenz für alternative Antriebe belegen.

Ob zur Ausstellung erneut 932.000 Besucher wie im Jahr 2015 strömen werden, scheint einen Monat vor Messebeginn zumindest fraglich. Die Erwartungen der Frankfurter Hotels sind nach Einschätzung der Berliner Gastro-Beratungsgesellschaft Fairmas gedämpft.

Viele große Namen fehlen

Im Vergleich zum IAA-freien Vorjahr erwarten die Häuser zwar eine Zunahme der Belegung um knapp 7 Prozent, das ist aber nur rund die Hälfte der Steigerung von 2015. Vor allem an den Publikumstagen schwächeln die Buchungen noch. Zudem gebe es zu den beiden der IAA vorangehenden, üblicherweise vollgebuchten Medientagen noch zahlreiche freie Hotelzimmer, berichtet ein Hotelier skeptisch.

Die Messehallen sind bei der 67. IAA-Ausgabe jedenfalls deutlich luftiger belegt als noch bei der vorangegangenen Schau vor zwei Jahren. Die Liste renommierter Marken, die sich von der Frankfurter Supershow offenbar keine ausreichenden Impulse erwarten, ist lang: Es fehlen neben General Motors die Hersteller Fiat und Peugeot ebenso wie Nissan, Aston Martin oder erneut Volvo. Auch der Elektro-Pionier Tesla hat abgesagt, weil er die bestehende Nachfrage nach seinen Modellen gar nicht weiter anheizen muss.

„Früher ist jeder Interessent ins Autohaus gekommen oder zu einer Messe gegangen. Das muss er im Internet-Zeitalter längst nicht mehr”, beschreibt Branchen-Experte Stefan Bratzel die Ausgangslage. Vor allem kleinere Hersteller überprüften ihren Marketing-Etat sehr genau, ob er nicht für etwas Sinnvolleres als teure Messen verwendet werden sollte.

So feiern Tesla-Jünger die ersten Model 3-Fahrzeuge
Tesla-Chef Musk lässt sich bei der Übergabe des ersten Model 3 von Mitarbeitern feiern
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Elon Musk weiß, wie man einen Rockstar-Auftritt hinlegt. Zu lauter Musik rast der Tesla-Chef mit einem roten Exemplar seines ersten günstigeren Wagens Model 3, springt raus und lässt sich im Scheinwerferlicht von seinen Mitarbeitern feiern.

Der Anlass ist ein Meilenstein für Tesla: Die ersten 30 Model 3 werden nach einem Monat Serienproduktion an ihre Besitzer übergeben - allesamt Tesla-Beschäftigte. Die ersten 30 von mehr als einer halben Million Vorbestellungen, die Tesla erst einmal lange abarbeiten muss...

Vorstellung des Tesla Model 3
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Die Zeremonie am Tesla-Werk im kalifornischen Fremont läutet ein neues Kapitel in einem der spannendsten Duelle ein, die heute die Wirtschaft zu bieten hat: Tesla gegen den Rest der Autoindustrie. Eine Firma aus dem Silicon Valley, die früh komplett auf Elektromobilität setzte und von Autobossen zunächst als Exot mit mickrigen Produktionszahlen im für die weitaus meisten Menschen unerschwinglichen Luxussegment abgetan wurde. Doch inzwischen weht in der Branche ein anderer Wind...

Erste Wagen des günstigeren Tesla Model 3 auf dem Fabrikgelände in Fremont, bereit zur Übergabe an ihre Besitzer
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Inzwischen sagen viele Experten, dass dem Elektroantrieb die Zukunft gehöre, auch wenn es eine lange Übergangszeit geben werde. Für Tesla wird es also künftig nicht mehr darum gehen, mit einigen zehntausend Wagen im Jahr zahlungskräftige Enthusiasten zu begeistern, sondern gegen die geballten Kraft der Autoindustrie mit einer Vielzahl von Modellen, Designvarianten und der traditionellen Markenbindung von Kunden anzutreten...

Das Model 3 ist der Wagen, der Tesla in einen breiteren Markt bringen soll
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Und angesichts der Vorreiterrolle der Kalifornier dürfte auch der Fortschritt der Elektromobilität am Erfolg dieses Fahrzeugs gemessen werden. Milliarden steckte Musk in den Ausbau der Produktionsanlagen und der Batteriefertigung. Eine riesige Wette.

Wenn sie aufgeht, wird Tesla in Fremont jährlich eine halbe Million Model-3-Wagen und rund 100.000 der größeren und teureren bisherigen Fahrzeuge Model S und Model X bauen. In Arbeit ist auch ein Lastwagen, der noch dieses Jahr präsentiert werden soll. Anleger glauben an Musk: Tesla ist trotz überschaubarer Stückzahlen der wertvollste US-Autohersteller an der Börse...

Vorstellung des Tesla Model 3
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„Es war nie unser Ziel, teure Wagen zu bauen“, betont Musk. Das habe sich nur so ergeben, weil die Elektrowagen zunächst nicht günstiger zu produzieren gewesen seien. Und jetzt finanzierten die Käufer von Model S und Model X das günstigere neue Modell mit.

Die 35.000 Dollar als Grundpreis des Model 3 sind aber wie so oft in der Branche erst der Anfang. Bucht man alle Extras wie Fahrassistenz-Funktionen, eine bessere Innenausstattung und eine andere Farbe als Schwarz, kommen fast 60.000 Dollar zusammen...

Wer jetzt bestellt, muss bis Ende 2018 warten, sagt Musk. Nach Deutschland dürfte es kaum ein Model 3 vor dem kommenden Jahr schaffen.
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Das ist kein Schnäppchen mehr, entscheidend ist im Moment aber dennoch vor allem die Frage, ob Tesla den massiven Produktionssprung von rund 84 000 Fahrzeugen 2016 auf 500 000 im kommenden Jahr sauber hinbekommt.

„Die Nachfrage ist hier nicht das Problem“, merkt Musk trocken mit Blick auf die halbe Million Vorbestellungen für das Model 3 an. Im ersten Produktionsmonat Juli wurden 50 Fahrzeuge gebaut, 20 von ihnen behält Tesla für Tests ein. Im September sollen 1500 Wagen produziert werden, auch mit 20 000 Fahrzeugen im Monat zum Dezember wird es lange dauern, die Warteliste abzuarbeiten...

Blick in den aufgeräumt-sachlichen Innenraum des Model 3
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Um den Produktionsschub zu meistern, ließ Musk die Konstruktion des Model 3 drastisch vereinfachen - auch nachdem es bei vorherigen Wagen Probleme mit ausgeklügelten Design-Ideen wie den Flügeltüren des Model X gab. Selbst die Entwicklung der Rücksitze hatte damals die Produktion des SUV um Monate aufgehalten.

„Das wichtigste Auto des Jahres ist auf der IAA nicht zu sehen”, kritisiert Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer mit Blick auf das Elektroauto Tesla 3, das dem US-Newcomer geradezu aus den Händen gerissen wird. Es wurde im Internet präsentiert und vertrieben - zeitgemäß, wie der Chef des CAR-Instituts der Universität Duisburg-Essen meint.

Die klassischen Messen - und nicht nur die IAA - kämen hingegen überholt und altmodisch daher. So kommt in Leipzig die Ost-Automesse AMI nicht mehr auf die Beine. „Die Zeit der Reifenkicker ist vorbei”, sagt Dudenhöffer über die Angewohnheit mancher Messebesucher, die ausgestellten Wagen mit einem Tritt gegen die Reifen zu „testen”.

Der Veranstalter VDA reagiert betont gelassen auf die Absagen der Hersteller, weil man auf ihre Rückkehr bei der nächsten IAA hofft. Schon früher hätten einzelne Aussteller aus Unternehmensgründen eine Beteiligung überprüft und sich danach wieder für die IAA entschieden, sagt Sprecher Eckehart Rotter. Er verweist auf die jungen chinesischen Firmen WEY und Chery, die sich die Frankfurter Weltleitmesse gezielt für ihren Auftritt ausgesucht hätten.

Elektro-Neuheiten gehen unter neben PS-Protzereien
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