Mit Staatskarosse auf Deutschlandbesuch
Warum die Queen keinen Rolls-Royce fährt

Monarchen gelten als loyale und patriotische Kunden. Wie Autohersteller sich das wünschen. Dass Queen Elizabeth II. dennoch Bentley fährt anstatt Rolls-Royce, verantworten Ferdinand Piëch und Bernd Pischetsrieder.
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Düsseldorf/LondonNatürlich wird der royale Bentley mit dabei sein, wenn die Queen ab Mittwoch, 24. Juni 2015, durch Deutschland reist. Die 6,22 Meter lange Staatskarosse mit 6,7-Liter-Achtyzylinder-Motor, die rund elf Millionen Euro wert ist, kam bereits per Transporter nach Berlin. Wie dieser Videobeweis, aufgenommen vor der britischen Botschaft, dokumentiert. Auffälligstes Merkmal des Wagens, über dessen Gewicht man vornehm (und aus Sicherheitsgründen) schweigt, ist die auf 1,77 Meter angehobene Dachhöhe einer riesigen Panorama-Heckscheibe. Die Queen kann mit 1,63 Metern Körpergröße fast aufrecht in den Wagen einsteigen. Wenn der obligatorische Hutschmuck nicht wäre.

Selbst echte Londoner kommen dem Verkehrsmittel ihrer Monarchin selten nahe. Beim 60. Krönungsjubiläum von Queen Elizabeth II. im Sommer 2013 gab es allerdings Gelegenheit, sich der Staatslimousine auf Armeslänge zu nähern. Dabei konnten Kenner unter anderem ausmachen, dass das Basisfahrzeug ein Bentley Arnage ist, vor etwa zehn Jahren noch das Spitzenmodell der Marke.

Von ihm stammt auch der Antrieb, ein 6,75 Liter großer Achtzylinder, der in überarbeiteter Form heute noch im Bentley Mulsanne zum Einsatz kommt. Der Ausgangsmotor hatte 400 PS. Allzu viele technische Details zu dem Fahrzeug wollte sich Richard Charlesworth bei der Staatslimousinenpräsentation aber nicht entlocken lassen. Das Bentley-Urgestein war schon Verkaufs- und PR-Manager in Europa und im Mittleren Osten, seit geraumer Zeit ist er für die Traditionspflege der englischen Nobelmarke verantwortlich – und für die Beziehungen zum Königshaus.

Schon gar keine Angaben zum Fahrzeuggewicht, daraus könnten Schlüsse auf Art und Umfang der Sicherheitseinrichtungen gezogen werden. Wer auf rund vier Tonnen spekuliert, bekommt zur Antwort: „so etwa in der Größenordnung“. Die öffentlich zugänglichen Informationen sprechen von 835 Newtonmeter Drehmoment. 

Graues Tuch, kein Leder, please!

Der Radstand des alten Arnage wurde um 287 Millimeter verlängert, so dass nun 3,8 Meter zu Buche stehen. Da Prinz Philip die Queen um ganze 25 Zentimeter Körpergröße überragt, sähe er natürlich neben ihr sitzend deutlich größer aus. Deshalb wurde das Sitzpolster auf einer Seite angehoben, so dass von außen beide Gesichter etwa auf gleicher Höhe erscheinen. Die hinteren Türen haben einen extremen Öffnungswinkel von 87 Grad, natürlich muss die Queen sie aber nicht selbst bedienen.

Dirk van Brackel, der auch den Bentley Continental GT gestaltete, zeichnete für das Design verantwortlich. Her Majesty ließ sich die Pläne und Skizzen vorlegen, sorgte zum Beispiel persönlich dafür, dass der ursprünglich sehr prunkvolle und chromlastige Entwurf zugunsten eines bescheideneren Auftritts abgemildert wurde. 

Die Polster im Fond sind nicht etwa mit Conolly-Leder oder Tierhaut anderer edler Herkunft bezogen. Auch das hat Tradition bei den gekrönten Häuptern auf der Insel. Graues, aber sehr feines Tuch ist es, worauf die Queen Platz nimmt.

„Früher“, erklärt Adels- und Autoexperte Charlesworth, „als die Royals noch mit Pferdefuhrwerken unterwegs waren, saß der Kutscher im Freien auf gegerbter Tierhaut.“ Die blaublütigen Fahrgäste unterm Dach konnten die höherwertigen Polster, die gewebten Bezüge, nutzen.

Rings um die Sessel wird auf Holz- oder Metallapplikationen verzichtet. Zur Gala-Uniform des Prinzgemahls gehören natürlich Orden und Abzeichen, Dolch, Säbel oder Degen – und das könnte beim Fahren dagegen klappern.

Rund 50 Lieferanten haben unter der Bentley-Ägide für eine standesgemäße Ausstattung des Wagens gesorgt – natürlich stets mit königlicher Zustimmung. „Auf technischen Schnickschnack wollte sie weitestgehend verzichten“, sagt Charlesworth. Es gibt nur eine dezente Innenbeleuchtung, damit die Untertanten auch bei Fahrten in Dunkelheit sehen, wem sie zujubeln.

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