Motoren-Entwickler in Aachen
„Der Diesel wird nicht aussterben“

Die Manipulationen bei VW werden zur Belastung für die Autobauer. Beim „Aachener Kolloquium“ diskutiert die Branche über den Diesel-Skandal. Doch die meisten verteidigen die umstrittene Technologie weiterhin.

AachenDer Diesel hat harte Tage hinter sich. Seit bei Volkswagen die Abgasmanipulationen an Diesel-Motoren aufgedeckt wurden, wächst täglich die Kritik. In den Autokonzernen geht die Furcht um, selbst in den Skandal hineingezogen zu werden. Einige distanzieren sich, die meisten schweigen. Doch in diesen Tagen gibt es einen Ort, an dem der Stolz auf die deutsche Ingenieurskunst und den Dieselmotor noch lebt.

In Aachen treffen sich derzeit 1.800 Ingenieure aus 30 Ländern zum größten europäischen Kongress der Branche, dem „24. Aachener Kolloquium“. Trotz der widrigen Umstände sind alle großen Zulieferer und Hersteller dabei: BMW, Daimler, Continental, Bosch - und selbst VW. Hier in der Stadt, in der viele wichtige Entwickler der deutschen Autoriesen ihr Studium an der RWTH absolviert haben, ist das Selbstbewusstsein der Branche noch nicht erschüttert.

Schon bei der Begrüßung wiegelt RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg die Diskussionen um den Dieselskandal ab. „Das war ein Unfall“, erklärt er. Ein Unfall, der mit einer Geschwindigkeitsüberschreitung vergleichbar sei. Nun sei es an den Zuständigen, die Unfallstelle abzusichern – alle anderen sollten besser nicht zu viel gaffen. Stattdessen zeigt der Rektor ein bisschen Mitgefühl. „Ich möchte nicht in der Haut des Verantwortlichen gesteckt haben“, sagt er. Auch an der RWTH sei die Abwägung zwischen dem technisch Machbaren und dem wirtschaftlich Möglichen stets präsent.

In dem Skandal stecke auch eine große Chance für die Autokonzerne, sagt Schmachtenberg. „Wir müssen uns über die Fehlerkultur unterhalten“. Volkswagen erwähnt der Rektor in seinem Vortrag allerdings nicht einmal. Zu groß scheint die Furcht, es sich in diesen Tagen mit dem deutschen Autoriesen zu verscherzen. Auch Torsten Eder, Motorenentwickler bei Daimler, und Fritz Steinparzer, Motorenchef bei BMW, gelingt es, ihre jüngsten Diesel-Aggregate zu präsentieren, ohne die aktuelle Diskussion um den Diesel auch nur am Rande zu erwähnen. Die Branche würde am liebsten zurück zum Tagesgeschäft, das ist spürbar.

Trotzdem ist der Skandal um manipulierte Abgaswerte am Rande des Kolloquiums überall präsent. Man kann sich an fast jeden Stehtisch, an jeden Stand stellen – die Teilnehmer diskutieren untereinander sehr offen über den Skandal. Die Branche trägt den Tratsch der letzten Wochen zusammen. An wenige Einzeltäter glaubt hier niemand. „Es muss doch auch in der Führung aufgefallen sein, dass Konstruktion und Emissionswerte nicht zusammenpassen“, sagt ein Ingenieur eines Zulieferers.

Mit der Presse will fast niemand reden, die meisten verweisen auf Pressesprecher und zitieren hausinterne Sprachregelungen. „Sie werden hier niemanden finden, der Ihnen dazu was sagt“, bekommen Reporter sehr oft erklärt. Zum Glück stimmt das nicht.

Denn einige wenige ärgern sich, dass sie nun unter Generalverdacht gestellt werden: Man orientiere sich bei der Entwicklung immer an den gesetzlichen Vorgaben, sagt ein Vertreter eines Autobauers. In der öffentlichen Diskussion werde allerdings nicht mehr zwischen illegalem Verhalten wie einer versteckten Manipulation und einer erlaubten Optimierung unterschieden.

Aber stimmt es nicht, dass Fahrzeuge für den Prüfstand optimiert werden und so bei den tatsächlichen Abgaswerten schummeln? „Was heißt denn schummeln? Wenn Sie sich auf eine Prüfung vorbereiten, dann lernen Sie doch auch den Stoff, der abgefragt wird“, entgegnet ein Ingenieur. Wären dann nicht realistischere Messverfahren gefragt? Als Antwort kriegt man hier einen Lehrspruch aus dem Ingenieursstudium präsentiert. „Merken Sie sich: Wer misst, misst Mist“.

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„Diesel ist der CO2-Champion“

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