Nachruf auf Sergio Pininfarina
Der Mann, der das Cabrio rettete

Ohne seine geschwungenen Linien und klaren Formen wären teuerste Ferrari wohl nur die Hälfte wert. Aber Italiens Design-Star Sergio Pininfarina prägte auch mit Massen-Erfolgsmodellen über Jahrzehnte unser Bild vom Auto.
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Berlin/DüsseldorfSergio Pininfarina gab Ferrari das Gesicht. Ohne die geschwungenen Linien, die klaren Formen und die einzigartigen Erscheinungen wären die teuersten Autos der Welt wahrscheinlich nur die Hälfte wert. Aber der italienische Grandseigneur hat auch mit Erfolgsmodellen wie dem Peugeot 205 über Jahrzehnte das Gesicht der Strasse in Europa geprägt. Als Hersteller von Kleinserien war er der Partner der früher inflexiblen Großindustrie und bewahrte Autos wie den Fiat 124 Spider vor dem Aussterben.

Pininfarina ragt aus einer anderen Zeit in die Gegenwart. Das Unternehmen stammt aus einer Epoche, als Automobile von ihren Herstellern als Chassis ausgeliefert wurden.. Auf einen plumpen Rahmen zauberten Karosseriers eine schicke Silhouette.


Nach dem Krieg ging der Turiner Designer und Enzo Ferrari eine bis heute währende Partnerschaft ein. In Maranello entwickelte man bis heute die brachialst-mögliche Technik. Aus der Turiner Design-Schmiede kam der Entwurf für das elegante Blechkleid. So tragen die teuersten Autos der Geschichte, die den Kürzel 250 tragen, die Züge, die ihnen ein Pininfarina als Designer einst verlieh.  
Der Mann war aber nicht nur kreativ sondern auch Unternehmer.

Und in den Siebzigern und Achtzigern machte er sich die fehlende Flexibilität der Massenhersteller zu Nutze. Wie sein Konkurrent Bertone oder Karmann und Baur in Deutschland produzierte man in Turin effizient und preiswert Kleinserien, die an den durchrationalisierten Fließbändern in den Siebzigern und Achtzigern durch zu viel Variantenreichtum zu hohe Kosten verursacht hätten.

So sicherte Pininfarina das Überleben des Fiat 124 Spider bis in die Achtziger Jahre hinein. Es wurde jahrelang ausschließlich in Turin im Auftrag von Fiat hergestell. Ein Auto, dass mit den bis in die letzten Tage hergestellten  diversen Lada Modelle die seinerzeit bahnbrechende Technik einer kantigen Limousine mit kleinem Hubraum teilt. Box-Design ging schon damals. So rettete Pininfarina  das Stoffverdeck vor den Produktionsfetischisten und Sicherheitsaposteln, die Überrollbügel forderten oder das Cabrio am liebsten ganz verbieten wollten.

In den Siebzigern gab es zwar noch das Käfer-Cabrio. Dessen Praxistauglichkeit ließ aber abseits des Wochenendausflugs eingedenk der unpraktischen Karosserie und der schwachen Motorisierung stark zu wünschen übrig. Die Ikone der viersitzigen eleganten Erscheinungen mit Stoffverdeck trug damals  die Zahlenkombinationen 504, kam von Peugeot und war wie das gleichnamige Coupé eine Pininfarina-Kreation.

Nur für die zweistellige Multiplikation des Kaufpreises konnte man bei Rolls-Royce oder Bentley ein ähnlich gediegenes Cabrio mit einer vollwertigen Rückbank kaufen. Und das mit einem Sechszylinder und ordentlich Kraft unter der Motorhaube.

Der Unternehmer Pininfarina war aber eben nicht nur Designer sondern auch Industrieller. Das Fiat Coupé wurde Ende der 90er Jahre in Stückzahlen  im Auftrag gefertigt und Sergio Pininfarina engagierte sich auch für die Gesellschaft. Nicht nur Autos wie der Peugout 205 haben der Massenmotorisierung ein ästhetisches Gesicht verlieren.

Er war auch politisch eine große Nummer. Als Präsident des italienischen Industrieverbandes versuchte er, die Interessen der produzierenden Wirtschaft zu kommunizieren. Und mehr als zehn Jahre war er als Abgeordneter im europäischen Parlament aktiv.

Schwer getroffen muss ihn der unerwartete Tod seines Sohnes Andrea haben, dem er 2001 den Staffelstab des Familienunternehmens übergeben hatte. Andrea starb fast stilecht italienisch im turbulenten Turiner Stadtverkehr am Steuer seiner Vespa.

Das Unternehmen war seinerzeit in einer existientiellen Krise. Schließlich brauchte  eine Welt der zunehmenden Flexibilisierung,in der an einem Fließband verschiedene Fahrzeugtypen, Arten und Karosseriefomen hergestellt wurden, keiner mehr Spezialbetriebe, die seltene Fahrzeuge in Kleinserie herstellten.
Und viele Karosseriebauer wie etwa Karmann oder Baur fielen diesem Trend zum Opfer. Pininfarina nicht. Weil man sich auf die Kernkompetenzen besann: Das Design und die ingeniöse Dienstleistung und das Cabrio-Dach. Damit bleiben die Kinder von Sergio Pininfarina heute erfolgreich.

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  • Der Fiat Spider wurde von Pininfarina am Ende sogar unter eigenem Namen vertrieben (Verkauf über Fiat Händler ). Daher ist Pininfarina auch als Hersteller im Kfz Brief eingetragen.

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