Ölkonzerne mischen ihre Produkte mit Sprit aus erneuerbaren Quellen
Biotreibstoffe erobern ihren Platz im Autotank

Der Ölkonzern Shell testet im Cheshire Innovation Park neue - und Schmierstoff. Dabei spielen Biotreibstoffe eine immer größere Rolle. Schon heute bestehen Benzin- und Dieselsorten, die aus den Zapfpistolen laufen, zu rund fünf Prozent aus Biotreistoffen.

LONDON. Die Autowerkstatt in einem Industriegebiet im Norden Englands ist groß und auffallend sauber. 14 Hebebühnen stehen in der nüchternen Halle und eine Hand voll Männer in Overalls wechseln Öl oder schrauben an Motoren. Dicke Schläuche hängen von der Decke, bereit Auspuffgase ins Freie zu leiten. Draußen parken Dutzende Fahrzeuge verschiedenster Typen und Bauarten vom Kleinwagen bis zum Geländewagen, europäische ebenso wie amerikanische Modelle. Das Besondere an ihnen: Je älter sie sind, desto wertvoller.

Das liegt daran, dass das hier keine gewöhnliche Werkstatt ist, sondern die des Cheshire Innovation Park. Hier, direkt neben der Raffinerie Stanlow, testet der Ölkonzern Shell an 200 Wagen neu entwickelte Treib- und Schmierstoffe. Das machen sowohl professionelle Testfahrer als auch gewöhnliche Shell-Mitarbeiter, die Autos mit nach Hause nehmen.

300 000 Meilen legen so manche Testwagen zurück, und regelmäßig bauen Mechaniker die Motoren auseinander, um ihren Zustand zu prüfen. Nebenan stehen in einer kleineren Halle sogar Autos mit zweigeteilten Motoren und zwei separaten Tanks auf Prüfständen – hier können die Tester unter Laborbedingungen unmittelbar vergleichen, wie ein Motor mit unterschiedlichen Benzinsorten läuft.

So lernt das Unternehmen, welche Treibstoffmischungen den Autos am besten bekommen. Eine immer größere Rolle spielen dabei Biotreibstoffe. Und zwar nicht nur in den Experimenten: Zu rund fünf Prozent bestehen schon heute die Benzin- und Dieselsorten, die aus den Zapfpistolen laufen, aus Biotreibstoffen. „Der Kunde merkt das gar nicht und wir machen kein großes Aufhebens davon“, sagt ein Shell-Experte. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die Emission des klimaschädlichen Kohlendioxid sinkt dadurch. Teurer wird der Sprit dadurch nicht, denn die höheren Produktionskosten des Biotreibstoffs werden nicht nur in Deutschland durch Steuervergünstigungen ausgeglichen.

Die Fünf-Prozent-Grenze gäben derzeit die Motorenhersteller vor, sagt Lisa Lilley, die bei Shell Global Solutions das Treibstoffgeschäft leitet – und damit auch die Lieferung des Sprits für Michael Schumachers Ferrari verantwortet. 30 oder 40 Prozent Bioanteil im Benzin seien technisch durchaus machbar, wenn in einem großen Fuhrpark alle Motoren entsprechend angepasst würden, erläutert sie.

Biotreibstoffe werden aus eigens angebauten Pflanzen oder auch aus Abfallprodukten wie Holzresten gewonnen. Doch sie sind nur eine Möglichkeit, die Treibhausgase aus dem Autoverkehr zu verringern. Fahrzeuge mit Hybridmotoren, die zusätzlich zum herkömmlichen Verbrennungsmotor einen Elektroantrieb haben, sind bereits auf dem Markt. Die völlig schadstofffreie Brennstoffzelle ist weit entwickelt, aber noch viel zu teuer.

Im Bereich der alternativen Treibstoffe arbeiten die Ölkonzerne auch daran, aus Kohle oder Erdgas Benzin zu erzeugen und Diesel mit Wasser zu strecken. „Biotreibstoffe sind kurz- und mittelfristig der beste Weg, um die Emission von Treibhausgasen zu verringern“, sagt Lilley. Konventionelles Benzin und Diesel würden den Markt noch für lange Zeit dominieren.

Das sieht John Manzoni, Konzernvorstand für Raffinerie und Vertrieb bei BP, genau so. „Die heute üblichen Verbrennungsmotoren werden den Markt sicher noch die nächsten zehn Jahre beherrschen“, sagte er dem Handelsblatt. Während in den USA der zunehmende Einsatz von Diesel die CO2--Emissionen dämpfen werde, seien es in der EU vor allem Biokomponenten in Treibstoffen. Ihr Anteil werde aber bei 15 bis 20 Prozent eine natürliche Grenze erreichen, weil die Anbauflächen für den Biosprit dann zu sehr mit der Lebensmittelsproduktion konkurrierten.

Anders als die Ölkonzerne nutzt die britische Supermarktkette Tesco den Anteil von Biosprit an ihren Zapfsäulen zur Werbung. Das Unternehmen verkauft seit rund einem Jahr an 22 Tankstellen den Treibstoff „Globaldiesel“, der fünf Prozent Biodiesel aus von britischen Bauern angebautem Raps enthält und betankt auch die eigenen Lieferwagen damit. In Faltblättern fordert sie ihre Kunden auf, einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Luft zu leisten und erntet dafür Lob von der Regierung. Seit kurzem bietet die Supermarktkette an 150 ihrer Tankstellen nun auch fünf Prozent Bioethanol aus brasilianischem Zuckerrohr im Benzin – und feiert sich dafür als Pionier.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%