Optibike-Designkritik
Mit Potenzial zum Statussymbol

Das E-Bike hat das Zeug zum neuen Statussymbol, wenn Batterie und Motor praktisch unsichtbar sind. Denn wie das Elektroauto verdient auch das strombetriebene Fahrrad eine eigenständige Form, die nicht nur technisch, sondern auch ästhetisch sinnvoll ist. Gelungen setzt das Jim Turner bei seinem 10.000 Dollar teuren Optibike um, dem "Ferrari unter den E-Bikes".

Das Fahrrad ist das effizienteste Fortbewegungsmittel. Mit einem Eigengewicht, das ungefähr einem Fünftel der Masse seines Führers entspricht, lässt es sich mühelos und nahezu emissionsfrei bei Tempo 20 fahren. Allein: Dem Vehikel fehlt es an Komfort und Status.

Letzteres war früher anders: In den automobilfreien Boom-Jahren um 1890 gab es nichts Cooleres, als Fahrrad zu fahren. Davon ausgehend entwickelte sich ein Kleidungsstil, die weite Bloomer-Hose, die Frauen ein ganzes Stück physisch wie psychologisch vom Korsett befreite.

Beim Komfort kommen die Radfahrer allerdings damals wie heute nicht auf ihre Kosten. Wurden früher beheizte Hallen angemietet, um in der vornehmen Gesellschaft mit dem Rad zu kokettieren, so fährt die Gesellschaft das Rad heute lieber am Heck der eigenen Karosse ins Grüne - von einigen passionierten Bikern mal abgesehen.

Bleibt also der Status: Hier bietet die Elektrifizierung ganz neue Chancen. Das Elektrofahrrad ist ein geniales Konzept, dessen Erfolg einfach vorauszusagen ist. In China kurven rund 150 Mio. E-Bikes über die Straßen, bei einer Jahresproduktion von etwa 24 Mio. Stück.

Wie das Elektroauto auch, verdient das Elektrofahrrad aber eine eigenständige Form, die nicht nur technisch, sondern auch ästhetisch sinnvoll ist. Die ersten Modelle sahen nämlich aus wie geriatrische Hilfsmittel. Um sich auf ein Fahrrad zu setzen, braucht der imagebewusste Automobilfahrer das passenden Unterscheidungsmerkmal - das bietet heute nicht mal das teuerste Rennrad.

Weil der Elektroantrieb zwangsläufig mehr Volumen und Gewicht bringt, kann und muss sich die Form des Geräts ändern. Daran hat Jim Turner gedacht, ein genialer Amerikaner, der sich vom Motocross-Champion über Ironman zum Harvard-Master in Human Engineering hochgearbeitet hat, um später mit verschiedenen Patenten zu Wohlstand zu gelangen.

Sein Wissensschatz resultiert in Optibike, dem "Ferrari unter den E-Bikes". Das gute Stück kostet um die 10.000 Dollar und kann als zu schnelles "Pedelec" in Europa nur gesondert genehmigt werden - mit Motorradhelm.

Die logische Philosophie Turners: Batterie und Motoren müssen unsichtbar, wassergeschützt und an gewichtstechnisch geeigneter Stelle untergebracht werden. Ein organischer Monocoque-Rahmen aus Aluminium, in Flugzeugqualität zusammengebaut, bildet Skelett und Haut des Vehikels, das durch das patentierte Antriebssystem "Motorized-Bottom-Bracket" fortbewegt wird. Lediglich der offene Kettenantrieb zeugt leider noch von alter Rad-Technik: effizient, aber sehr schmutzempfindlich und kaum nutzerfreundlich.

Nur noch das muss also geändert werden, wenn man dem E-Bike einen neuer Status verleihen will.

Paolo Tumminelli ist Designprofessor (FH Köln) und Gründer von goodbrands (paolo.t@goodbrands.de)

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