Polemik
Das größte Risiko ist der Fahrer

Wollen uns die Premium-Hersteller mit immer mehr Elektronik-Gimmicks in den Wahn treiben? Ein Plädoyer gegen die Auswüchse der Informationsflut, die jetzt schon die meisten Fahrer überfordert.
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Wer einmal gelernt hat, seinen Bordcomputer und sein Navi ordentlich zu bedienen, sollte ein Diplom vom Hersteller bekommen. Mittlerweile werden dazu ja schon Volkshochschulkurse angeboten. Männer gehen da natürlich nicht hin, sie fragen ja auch nicht nach dem Weg. Ich kenne gestandene Kerle, die seit Jahren BMW deswegen treu bleiben, weil sie angesichts der Herausforderungen die Smartphone, iPad oder Blackberry an sie stellen, nicht auch noch auf Audi-Navigation oder Daimler-Assistenzsysteme umschulen wollen.

Und bald kommt es noch viel doller. Die Industrie will unsere Autos total vernetzen, die BMW „Vision“ namens Connected Drive etwa gibt einen Vorgeschmack darauf. Okay, der Plan, das Fahren sicherer zu machen, geht schon in Ordnung. Doch bei dem, was sich die Programmierer so alles haben einfallen lassen, kann einem schon komisch zumute werden. Ein Auto, das Ausgehtipps gibt? Das ist, Entschuldigung, ja noch bescheuerter als ein Regensensor oder eine Berganfahrhilfe.

Dabei gäbe es angesichts demographischer Statistiken soviel sinnvolleres anzubieten. In einer Gesellschaft, in der die über 50jährigen (und aufwärts) die größte und kaufkräftigste Bevölkerungsgruppe stellen, müssen Autos angeboten werden, mit denen man einfach losfahren kann. Ohne Pilotenausbildung - und ohne Gesichtsverlust.

Haben unsere mobilen Entscheidungsträger nicht schon genug Stress? Müssen die vom Burnout Bedrohten jetzt auch noch Head-up-Displays für grünlich-halbtransparente Informationsfluten auf der Frontscheibe programmieren? Wer stundenlang Betriebsanleitungen und Menüs durchforstet, tut sich nichts Gutes. Andererseits könnte ein ins Handschuhfach integrierter Defibrillator als optionales Extra enorm zur Beruhigung der Klientel beitragen.

Denn das größte Risiko ist nicht das Auto, es ist der Fahrer. Ihn mit Informationen so zu überfrachten, dass ihm zwischen Sinnvollem, Halbwichtigem und Infotainment der klare Blick auf den Verkehr abschweift, ist ein gefährlicher Irrweg. Längst gibt es Studien, die belegen, dass Informations-Überbelastung zu Verblödung führen kann. Wer uns dennoch eine Spracheingabe für Emails und SMS als sinnvolles Zubehör verkaufen will, arbeitet nicht für, sondern gegen uns.

Schon zielen einige Fahrerassistenzsysteme in die falsche Richtung: Einem 70jährigen E-Klasse Fahrer das latente Gefühl zu geben, er könne risikolos 250 km/h fahren, weil er ja einen Abstandswarner und einen Notbremsassistenten an Bord hat, ist schlicht Wahnsinn.

Uns Autokäufern nun noch zu suggerieren, wir bräuchten mehr Internet, mehr Radiosender, mehr Warnhinweise, mehr Kommunikation während der Fahrt, ist eine viel zu einseitige Strategie. Es gibt doch jetzt schon so viele Informationen, die ich während der Fahrt weder brauche, noch verarbeiten kann. Etwa die von Continental entwickelte Idee, bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung im Kombiinstrument anzuzeigen, wie viele Strafpunkte in der Flensburger Verkehrssünderkartei über mich vermerkt sind.

Wohin Informationsüberflutung führen kann, hat auch die Luftfahrt erkannt. Piloten müssen ja einiges mehr an Instrumenten bewältigen als Autofahrer – und schaffen diese Aufgabe nur zu zweit. Die neueste Boeing-Idee: Wenn eine wichtige Kontrolle vergessen wurde, fängt der Pilotensitz an zu vibrieren. Und gibt erst wieder Ruhe, wenn die Aufgabe erledigt ist. Ein elektronischer Tritt in den Popometer, herzlichen Dank!

Es sollte weniger darum gehen, das technisch Machbare ins Auto einzubauen. Der Fahrer und seine beschränkten Fähigkeiten müssen im Vordergrund stehen. Aber wer kann schon sagen, ob nicht längst die Pläne zur Beseitigung dieses letzten, die Sicherheit im Straßenverkehr beeinträchtigenden Features, in der Schublade liegen. Wenn es soweit ist, öffnet uns das Betriebssystem nur noch die Hecktüre, wir steigen ein und können endlich entspannen.

Frank G. Heide
Frank G. Heide
Handelsblatt / Redakteur Auto + Motor

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  • Porsche-Cayenne-Fahrer müssen sich heute schon beim Wechsel des Handys, vom iPhone auf Samsung-Galaxy-Smartphone, wegen Inkompatibilität einen neuen Porsche kaufen.

    Bitte denken sie daran beim nächsten Handywechsel.

  • Jede Entwicklung hat immer Befürworter und Gegner: so auch die zunehmende Elektronisierung unseres geliebten Automobils. Die Frage ist ja nur: kann man sich dem Trend noch entziehen. Wird es bald Seniorenautos so wie Seniorenhandys geben? SMS schreiben kann ich schon lange nicht mehr. Viel zu kompliziert geworden bei meinem Handy. Und Leichtbau und Energieeffizienz vertragen sich auch nur bedingt mit dem Vollstopfen unserer Mobile. Seis drum: Die Benzinpreise werden das Auto bald eh lahm legen; dann richtet man sich seinen privaten Computerarbeitsplatz eben in der Garage ein. Und statt eines neuen PCs kauft man sich ein neues Auto alle 3 Jahre.

  • Ganz meine Meinung, danke. Habe erst wieder heute morgen auf dem Autobahnzubringer einen Vorausfahrenden gehabt, der die Spur und das Kolonnentempo nicht vernünftig eingehalten hat. Dachte erst einmal an Restalkohol, sah aber dann beim Überholen, dass der Arme auf seinem Kombi-Info-GPS-und-sonst-noch-was-System wild herumdrückte, immer mal nach unten und dann iweder hochblickend. Drücke ihm nun wiederum die Daumen, dass er heil angekommen ist.

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