Polemik Das größte Risiko ist der Fahrer

Wollen uns die Premium-Hersteller mit immer mehr Elektronik-Gimmicks in den Wahn treiben? Ein Plädoyer gegen die Auswüchse der Informationsflut, die jetzt schon die meisten Fahrer überfordert.
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Handelsblatt Online-Redakteur Frank G. Heide

Handelsblatt Online-Redakteur Frank G. Heide

Wer einmal gelernt hat, seinen Bordcomputer und sein Navi ordentlich zu bedienen, sollte ein Diplom vom Hersteller bekommen. Mittlerweile werden dazu ja schon Volkshochschulkurse angeboten. Männer gehen da natürlich nicht hin, sie fragen ja auch nicht nach dem Weg. Ich kenne gestandene Kerle, die seit Jahren BMW deswegen treu bleiben, weil sie angesichts der Herausforderungen die Smartphone, iPad oder Blackberry an sie stellen, nicht auch noch auf Audi-Navigation oder Daimler-Assistenzsysteme umschulen wollen.

Und bald kommt es noch viel doller. Die Industrie will unsere Autos total vernetzen, die BMW „Vision“ namens Connected Drive etwa gibt einen Vorgeschmack darauf. Okay, der Plan, das Fahren sicherer zu machen, geht schon in Ordnung. Doch bei dem, was sich die Programmierer so alles haben einfallen lassen, kann einem schon komisch zumute werden. Ein Auto, das Ausgehtipps gibt? Das ist, Entschuldigung, ja noch bescheuerter als ein Regensensor oder eine Berganfahrhilfe.

Dabei gäbe es angesichts demographischer Statistiken soviel sinnvolleres anzubieten. In einer Gesellschaft, in der die über 50jährigen (und aufwärts) die größte und kaufkräftigste Bevölkerungsgruppe stellen, müssen Autos angeboten werden, mit denen man einfach losfahren kann. Ohne Pilotenausbildung - und ohne Gesichtsverlust.

Haben unsere mobilen Entscheidungsträger nicht schon genug Stress? Müssen die vom Burnout Bedrohten jetzt auch noch Head-up-Displays für grünlich-halbtransparente Informationsfluten auf der Frontscheibe programmieren? Wer stundenlang Betriebsanleitungen und Menüs durchforstet, tut sich nichts Gutes. Andererseits könnte ein ins Handschuhfach integrierter Defibrillator als optionales Extra enorm zur Beruhigung der Klientel beitragen.

Denn das größte Risiko ist nicht das Auto, es ist der Fahrer. Ihn mit Informationen so zu überfrachten, dass ihm zwischen Sinnvollem, Halbwichtigem und Infotainment der klare Blick auf den Verkehr abschweift, ist ein gefährlicher Irrweg. Längst gibt es Studien, die belegen, dass Informations-Überbelastung zu Verblödung führen kann. Wer uns dennoch eine Spracheingabe für Emails und SMS als sinnvolles Zubehör verkaufen will, arbeitet nicht für, sondern gegen uns.

Schon zielen einige Fahrerassistenzsysteme in die falsche Richtung: Einem 70jährigen E-Klasse Fahrer das latente Gefühl zu geben, er könne risikolos 250 km/h fahren, weil er ja einen Abstandswarner und einen Notbremsassistenten an Bord hat, ist schlicht Wahnsinn.

Uns Autokäufern nun noch zu suggerieren, wir bräuchten mehr Internet, mehr Radiosender, mehr Warnhinweise, mehr Kommunikation während der Fahrt, ist eine viel zu einseitige Strategie. Es gibt doch jetzt schon so viele Informationen, die ich während der Fahrt weder brauche, noch verarbeiten kann. Etwa die von Continental entwickelte Idee, bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung im Kombiinstrument anzuzeigen, wie viele Strafpunkte in der Flensburger Verkehrssünderkartei über mich vermerkt sind.

Wohin Informationsüberflutung führen kann, hat auch die Luftfahrt erkannt. Piloten müssen ja einiges mehr an Instrumenten bewältigen als Autofahrer – und schaffen diese Aufgabe nur zu zweit. Die neueste Boeing-Idee: Wenn eine wichtige Kontrolle vergessen wurde, fängt der Pilotensitz an zu vibrieren. Und gibt erst wieder Ruhe, wenn die Aufgabe erledigt ist. Ein elektronischer Tritt in den Popometer, herzlichen Dank!

Es sollte weniger darum gehen, das technisch Machbare ins Auto einzubauen. Der Fahrer und seine beschränkten Fähigkeiten müssen im Vordergrund stehen. Aber wer kann schon sagen, ob nicht längst die Pläne zur Beseitigung dieses letzten, die Sicherheit im Straßenverkehr beeinträchtigenden Features, in der Schublade liegen. Wenn es soweit ist, öffnet uns das Betriebssystem nur noch die Hecktüre, wir steigen ein und können endlich entspannen.

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9 Kommentare zu "Polemik: Das größte Risiko ist der Fahrer"

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  • Porsche-Cayenne-Fahrer müssen sich heute schon beim Wechsel des Handys, vom iPhone auf Samsung-Galaxy-Smartphone, wegen Inkompatibilität einen neuen Porsche kaufen.

    Bitte denken sie daran beim nächsten Handywechsel.

  • Jede Entwicklung hat immer Befürworter und Gegner: so auch die zunehmende Elektronisierung unseres geliebten Automobils. Die Frage ist ja nur: kann man sich dem Trend noch entziehen. Wird es bald Seniorenautos so wie Seniorenhandys geben? SMS schreiben kann ich schon lange nicht mehr. Viel zu kompliziert geworden bei meinem Handy. Und Leichtbau und Energieeffizienz vertragen sich auch nur bedingt mit dem Vollstopfen unserer Mobile. Seis drum: Die Benzinpreise werden das Auto bald eh lahm legen; dann richtet man sich seinen privaten Computerarbeitsplatz eben in der Garage ein. Und statt eines neuen PCs kauft man sich ein neues Auto alle 3 Jahre.

  • Ganz meine Meinung, danke. Habe erst wieder heute morgen auf dem Autobahnzubringer einen Vorausfahrenden gehabt, der die Spur und das Kolonnentempo nicht vernünftig eingehalten hat. Dachte erst einmal an Restalkohol, sah aber dann beim Überholen, dass der Arme auf seinem Kombi-Info-GPS-und-sonst-noch-was-System wild herumdrückte, immer mal nach unten und dann iweder hochblickend. Drücke ihm nun wiederum die Daumen, dass er heil angekommen ist.

  • Der Wahnsinn wird weitergehen, keine Frage. Künftig aber ohne mich: Kürzlich bin ich von Audi auf Skoda umgestiegen, weil ich mich nicht länger elektronisch bevormunden lassen will, noch dazu für horrendes Geld. Audi bot mir allen Ernstes ein "S"-Modell an, bei dem ich das ESP nicht mehr (vollständig) abschalten kann, Frechheit! Noch dazu wurde die Handbremse wegrationalisiert zugunsten eines eielktronischen An/Aus-Knopfes, der mit auf Schnee nicht wirklich hilft und zudem dafür bekannt ist, dass er gelegentlich gleich das ganze Auto stilllegt, prima. Und wenn die Entwicklung von immer mehr elektronischen Gimmicks so weiter geht, ist bald auch Skoda Geschichte - dann kaufe ich Youngtimer und der VW-Konzern (und alle anderen) können sehen, wo sie ihre Umsätze hernehmen... Ich spare viel Geld und erhöhe den Fahrspaß deutlich.

  • Immer alles schön schlecht reden.
    Ich persönlich freue mich jeden Tag aufs neue darüber, dass ich weder Scheibenwischer, Lichteinstellungen oder Radiolautstärke überwachen muss.

  • Wenn die Automobilindustrie an den Erfolg des Autopiloten im PKW glaubt, wird sie eine Bauchlandung erster Güte erleben.
    Man denke nur an die endlosen Pannen der E-Klasse (W211) mit 127 Sensoren, die immer machten was sie wollten aber nicht was sie sollten. Das sündhaft teure Navi meines Highend SUV aus englischer Schmiede ist auch nix.
    Man sollte doch mal wieder aus dem Fenster sehen und hören was die Reifen "sagen". Dazu vorausschauend fahren und schon ist sicheres fahren möglich.
    Der Abstandsradar bei Audi ist m.E. großer Mist.
    Wenn das Lenkrad entfernt wird, fahre ich wieder Kutsche. Den Segelschein habe ich auch. Der Rest geht mit dem Fahrrad.
    Back to the Roots und Schluss mit Dauerblödsinn vom Chip.

  • Die traurige Wahrheit ist doch: Alles, was technisch machbar ist, wird auch gemacht. Ohne jeden Einfluss darauf, ob es sinnvoll ist oder nicht. Da steht uns noch einiges ins Haus, im goldenen Internet- und Informationszeitalter

  • Bin ich froh, dass ich einen 20 Jahre alten Wagen fahre. Die viele Technik, die heutzutage in Autos eingebaut wird, brauchen doch die Wenigsten. Man sieht ja immer wieder, dass es dadurch immer mehr Probleme gibt, wenn die Chips versagen.
    Und durch die viele Technik, wird dann an anderer Stelle gespart. Zum Beispiel am Blech und an der Verarbeitung. Bin mal gespannt, ob die heutigen Autos überhaupt so alt werden, wie mein jetztiger Wagen.

  • Wieso Glosse? Das ist bittere Wahrheit! Ich suche mir mein nächstes Auto danach aus, dass es möglichst wenig elektronischen Firlefanz hat. Vielleicht ist es dazu notwendig, von Mercedes auf Dacia umzusteigen. Da ich als Ruheständler nicht mehr so viel fahre und nicht mehr den absoluten Langstreckenkomfort brauche, ist das gar nicht so abwegig.

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