Privilegien für Elektroautos: Die Förderung, die niemand braucht

Privilegien für Elektroautos
Die Förderung, die niemand braucht

Fahrer von Elektroautos sollen statt Kaufprämie Privilegien erhalten. Sie dürfen demnächst auf die Busspur, sagt der Gesetzgeber. Aber bei uns nicht, sagen die meisten Städte und Kommunen. Ein Kommentar.
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DüsseldorfPassend zum ersten Publikumstag des Genfer Autosalons hat der Bundestag einen Gesetzesentwurf beschlossen, der Privilegien für die Besitzer von E-Autos vorsieht. So sollen mit Batterieantrieb fahrende Autos innerstädtische Busspuren nutzen können und spezielle, kostenfreie Parkplätze erhalten. Ein bisschen wenig, oder? Das soll die große Wende sein, die endlich die Stromer auf die Straße bringt?

Leider nein, es ist Zeitverschwendung und Augenwischerei. Weil die Probleme nicht im Vorwärtskommen liegen, wie jeder weiß, der mal ein Elektroauto gefahren hat. Sie liegen bei der Reichweite (zu gering), dem Anschaffungspreis (zu hoch) und Infrastruktur (zu lückenhaft).

So kostet der VW-Kleinwagen Up in der Elektroversion mit fast 27.000 Euro etwa dreimal so viel wie das Basismodell. Und muss, wenn es extrem gut läuft, spätestens nach 160 Kilometern neu geladen werden. Doch dafür fehlen vor allem auf dem Land die notwendigen öffentlichen Ladesäulen.

Auch das Angebot, den E-Flitzer an einem nur für ihn reservierten Platz parken zu dürfen, greift viel zu kurz: Parken macht nur dort Sinn, wo gleichzeitig die Akkus aufgeladen werden.

Dass die neuen gesetzlich verankerten Vorteile für E-Autos eine Luftnummer sind, war eigentlich schon vorher klar. Denn der Bundestag schafft mit seinem Gesetz lediglich eine rechtliche Grundlage. Ob den Elektroautos tatsächlich Privilegien eingeräumt werden, muss jede Kommune für sich selbst entscheiden. In selten zu beobachtender Einigkeit haben die Kommunen und Städte, die überhaupt über ein nennenswertes Fahrradwegenetz verfügen, aber schon gesagt: Mit uns nicht.

Berlin, Hamburg und München haben bereits bei den Busspuren abgewunken: Mit Bussen, Taxis und Krankenwagen sei auf diesen bereits die Grenze der Belastbarkeit erreicht. Der Deutsche Städtetag warnt sogar vor einem Erfolg des Anreizes: Jedes weitere (Elektro-) Fahrzeug auf der Busspur verlangsamt den öffentlichen Nahverkehr. Dort dürften dann übrigens auch die Panamera- und Cayenne-Modelle fahren, die Porsche als Plug-in-Hybride verkauft.

Dabei könnte doch alles so einfach sein. Denn nicht nur Nachbarländer wie Frankreich, auch Großbritannien, Norwegen, Japan, China und die USA machen es vor: Wer mehr Elektroautos unters Volk bringen will, muss mit massiven Kaufanreizen in Form von Prämie und Steuervergünstigung arbeiten. Der Mensch wird nun mal nicht von Vernunft gesteuert, sondern von Gier. Und genau deswegen hat das Anreiz-Prinzip auch bei der Abwrackprämie 2009 so gut funktioniert.

Für Käufer wäre die Subventionierung des E-Auto-Neukaufs noch aus einem anderen Grund wichtig: Die Batterietechnik entwickelt sich rasend schnell weiter, alte Akkus verfallen rapide im Preis. Da diese einen Großteil des Anschaffungspreises und damit der bei Elektroautos besonders unsicheren Restwertentwicklung ausmachen, könnte so ein kleines Sicherheitspolster geschaffen werden.

Noch sinnvoller wäre es aber gewesen, der Bundestag hätte sich damit beschäftigt, bei dem vorherrschenden Chaos von Steckerformen, verschiedenen Ladestations-Typen und damit notwendig werdender Adaptervielfalt aufzuräumen. Denn auch das hält mich als potenzieller Kunde vom Kauf ab.

Nicht besser wird es, wenn ich erfahre, dass der Wirtschaftsminister zwar - von meinen Steuergeldern bezahlt - die Ladesäulen-Infrastruktur ausbauen will, aber die Gefahr droht, dass Stecker von Nissan Leaf, Renault Twizy und Tesla Modell S nicht an die zukünftigen Ladestationen passen werden.

Frank G. Heide
Frank G. Heide
Handelsbaltt / Redakteur Auto + Motor

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  • Kann mir jemand erklären, warum man erst Autos und dann die Hausheizungen elektrifiziert? Bewegt sich ein Haus und muss es kontinuierlich (ohne 5 Minuten Pause) mit Energier versorgt werden, so wie ein Auto? Wenigstens bin ich nicht der Einzige, der dies so sieht: „Das Elektroauto ist kein Umweltschützer“ http://www.vdi-nachrichten.com/Technik-Wirtschaft/Das-Elektroauto-Umweltschuetzer

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