Produktrückruf
Teurer Schutz

Rückrufe fehlerhafter Produkte gehören längst zum Alltag. Im Ländervergleich nimmt Deutschland hier sogar einen Spitzenplatz ein. Da verwundert es kaum, dass beispielsweise ein Großteil der Automobilzulieferer eine so genannte Produktrückruf-Kosten-Versicherung abgeschlossen hat.

KÖLN. Doch in anderen Wirtschaftszweigen fehlt diese Deckung in weiten Teilen. Versichert sind nach Einschätzung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft neben den Zulieferern der Automobilindustrie meist nur Hersteller von Lebensmitteln.

Mit dem 2004 in Kraft getretenen Geräte- und Produktsicherheitsgesetz hat sich die Haftung der Hersteller und Importeure aus Nicht-EU-Ländern für fehlerhafte Produkte kräftig verschärft: Das in den Verkehr bringen „unsicherer“ Produkte ist explizit verboten. Wer Gefährdendes in Umlauf bringt, muss selbst die Kosten für Rückrufe tragen.

„Von den rund 150 Haftpflichtversicherern wagt sich nur rund ein Dutzend an die Produktrückruf-Kosten-Versicherung. Die hohen Schadenzahlen schrecken ab. Besonders, weil es sich in diesem Bereich immer um Spitzenrisiken handelt“, sagt Klaus Bühler, der den Bereich industrielle Haftpflicht bei der Victoria Versicherung leitet.

Jenseits des Geschäfts mit den Zulieferern der Autoindustrie würde die Assekuranz jedoch gern mehr Verträge verkaufen. „Die Rückrufkostenversicherung für die Lebensmittel-, Spielzeug- oder Hausgeräteindustrie ist gewöhnlich nicht sehr teuer. Dieses Geschäft würden wir gerne ausdehnen, aber hier mangelt es teilweise noch am Risikobewusstsein in den Unternehmen“, sagt Peter Knaus, Leiter des Bereiches Industrie- und Firmenkunden-Haftpflicht der Axa Versicherung.

Dieses Risikobewusstsein ist bei den Zulieferern der Autoindustrie sehr wohl vorhanden. Tatsächlich kann das Schadensausmaß für ein einzelnes Unternehmen immens sein: Gerade kleine Elektronikteile für die KFZ-Industrie, die in der Produktion nur wenige Cent kosten, können bei Produktionsfehlern in der Lieferantenkette bis zum Endverbraucher hohe Schäden verursachen. Das Kraftfahrt-Bundesamt registrierte zwar im letzten Jahr erstmals einen Rückgang der von ihm begleiteten Rückrufaktionen auf 123, doch betroffen waren fast unverändert 1 362 630 Fahrzeuge. „Die Tendenz steigender Rückrufe steht stellvertretend für deutlich steigende Schadenaufwendungen im Bereich der KFZ-Rückrufkostenversicherung“, sagt Hans-Georg Neumann, Haftpflichtexperte des HDI.

Die Schadenaufwendungen der Versicherer gehen nach Einschätzung von Neumann seit Jahren kontinuierlich nach oben. Nur mit professionellem Risikomanagement entlang des gesamten Fertigungsprozesses und der Kontrolle der Rückrufpläne der Unternehmen gelinge es, viele Risiken überhaupt versicherbar zu machen und ein zumindest ausgeglichenes Spartenergebnis zu erwirtschaften. Von Vorteil sei, dass die Versicherer bei schlechtem Risikoverlauf schnell reagieren können. Die Risiken für den Produktrückruf sind kurzfristiger Natur: Entweder ein Produkt wird während der Laufzeit des in der Regel einjährigen Vertrages zurückgerufen – oder eben nicht.

Zudem verlangen die Versicherer von ihren Kunden hohe Selbstbehalte – dies jedoch weniger, um die Produzenten zur Sorgfalt anzuhalten, als vielmehr um die Versicherung überhaupt erschwinglich zu machen. Der Umsatz eines Unternehmens ist keine Basis für die Ermittlung der Prämienhöhe. Üblicherweise wird die Prämie unternehmensindividuell ermittelt. In die Kalkulation fließen beispielsweise die Art und der Umfang der Produktion, der Marktanteil, Auslandslieferungen, potenzielle Ein- und Ausbaukosten ein.

Dass die Assekuranz angesichts der Schadenzahlen bei den Kraftfahrt-Zulieferern nicht das Interesse an der Sparte verliert, hängt an der Kundenbindung. „Im Markt wird die Produktrückruf-Kosten-Versicherung nicht separat angeboten, sondern immer in Verbindung mit einer Betriebs- und Produkthaftpflicht. Wenn wir sie unseren Kunden nicht anbieten, laufen wir also Gefahr, sie auch in anderen Zweigen zu verlieren“, erklärt Bühler.

Praktiken in der Autoindustrie

Einkaufsmacht:

Ganz freiwillig versichern sich die Zulieferer der Automobilindustrie gegen die Kosten eines Produktrückrufes nicht. Diese Deckung machen viele Automobilhersteller zur Bedingung eines Liefervertrages.

Beweislast: Im Regelfall sind die Automobilkonzerne nicht selbst versichert. Für den Schadensfall bilden sie Rückstellungen. Angesichts einer solchen Konstellation ist ein Streit mit der Assekuranz fast programmiert: Ist der Rückruf nun auf Versagen des Lieferanten zurückzuführen und damit versichert – oder versucht der Automobilhersteller, eigenes Versagen über die fremde Versicherung abzugelten?

Hohe Kosten: Die Versicherer haben Abteilungen mit Spezialisten wie etwa Ingenieuren, um zunächst die Risiken einzuschätzen und später das Schadensausmaß festzustellen. Hohe Kosten für Rechtsanwälte und Gerichte für unberechtigte Schadensersatzforderungen gehören regelmäßig zum Schadensaufwand.

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