Referendum - Ähnlich wie in London
Stockholmer sagen „Ja“ zu Automaut

Die Bürger von Stockholm haben sich bei einem Referendum für die Einführung einer Automaut in der Innenstadt entschieden.

HB STOCKHOLM. Wie die Stimmenauszählung in Schwedens Hauptstadt am Montag ergab, stimmten 51,7 Prozent unter den 600 000 Stimmberechtigten mit Ja und 45,6 Prozent mit Nein. Der am Sonntag landesweit neu gewählte Reichstag muss nun über die konkrete Umsetzung entscheiden.

Wie das Mautsystem funktionieren könnte, haben die Bewohner in einer sieben Monate langen Testphase bis 31. Juli erfahren. Im Zuge des so genannten Stockholmer Versuchs kostete die Einfahrt in die Innenstadt maximal 60 schwedische Kronen pro Tag (etwa 6,50 Euro) und damit deutlich weniger als in London. Dort zahlen Autofahrer umgerechnet 11,80 Euro.

An den Mautstellen registrierten Kameras die Autokennzeichen, die Autofahrer hatten fünf Tage Zeit, um zu bezahlen. Finanziert wurde der Versuch von der Regierung. Die Kosten beliefen sich etwa 3,8 Milliarden Kronen (411 Millionen Euro).

Das Ziel, den Verkehr um zehn bis 15 Prozent zu verringern, sei ge- und zum Teil übertroffen worden, bilanzierte die Umweltbehörde der Stadt in einer im August veröffentlichten Auswertung. Die Minderungen seien verhältnismäßig stabil gewesen. „Darüber hinaus waren die Effekte noch weiter weg vom Zentrum zu spüren, als wir geglaubt hatten“, hieß in der Analyse. Noch weiter außerhalb der kostenpflichtigen Zone seien deutlich weniger Autos gefahren.

Verbessert habe sich infolge der Verkehrsfluss in der Innenstadt, die Reisewege seien kürzer geworden. Die Stadt setzte 200 zusätzliche Busse während der Pilotphase ein, U-Bahnen und Lokalzüge fuhren häufiger und mit mehr Waggons. Kurzfristig ließen sich der Analyse zufolge auch positive Auswirkungen auf die Umwelt feststellen. Die Kohlendioxid-Konzentration nahm deutlich ab. Die Verantwortlichen kommen zu dem Schluss, dass der Positiveffekt auf die Gesundheit drei Mal so hoch war, wie er durch eine Benzinpreiserhöhung hätte erzielt werden können. Weiter reichende Aussagen über die Folgen für die städtische Umwelt ließen sich indes nur unzureichend treffen. Dafür sei das Ökosystem Stadt zu komplex.

Zu Beginn des Versuchs sprachen sich fast 60 Prozent der Stockholmer in Umfragen gegen die Maut aus. Die Akzeptanz habe sich im Lauf der Monate jedoch verbessert, so die Behörden. Auch zahlreiche Unternehmer hätten ihre negative Einstellung geändert.

Das Karlsruher Helmholtz-Institut Itas sieht den Ausgang des Referendums offen. „Vor dem Hintergrund der kurzen Vorlauf- und Umsetzungszeit ist ein Erfolg nicht sicher“, schreiben die Wissenschaftler in einer internationalen Studie über nachhaltige Verkehrskonzepte. Sie verweisen darauf, dass schon in den 1990er-Jahren ein Versuch an politischen Kontroversen scheiterte, eine Stauabgabe für die Einfahrt in die Stockholmer Innenstadt einzuführen.

Die Volkswirtin Anna Becker vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist anderer Auffassung und sieht eine Chance für die Abgabe. „Ich denke, dass die Menschen sehen, dass es sich lohnt“, sagt sie mit Blick darauf, dass die Maut-Einnahmen zum Teil für den Ausbau des öffentlichen Personen-Nahverkehrs verwendet werden sollen. Umwelt- und Verkehrsprobleme könnten gleichzeitig angegangen werden - eine Ausgangslage, wie sie in Deutschland nicht gegeben sei. Hier zu Lande gebe derartige Verkehrsprobleme - etwa regelmäßige Staus auf bestimmten Strecken - kaum, sagt Becker.

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