Reisereportage
Die Wiederentdeckung der Langsamkeit

Was hat das Phänomen VW Bus, auch liebevoll Bulli genannt, so groß gemacht? Ein Reise-Selbstversuch klärt, was fasziniert, was nervt, und wie das Auto unsere Wahrnehmung ändert. Damals wie heute.
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Aschau/VeronaMist! Als wir aufstehen regnet es – und zwar wie aus Kübeln. Doch die wie auf einer Parade aufgereihten Bullis am Hotel Heinz Winkler in Aschau schauen uns mit ihren runden Scheinwerfern trotzdem erwartungsvoll-freudig an. Also heißt es: Aufsitzen und los. Für kurze Zeit übertönen die Boxermotoren der VW-Bus-Ahnen sogar die Aschauer Dorfkirche, dann geht es los. Unsere Route führt über die kräftig ansteigende Großglockner-Hochalpenstraße, Cortina d’Ampezzo und Trento hinab zum Gardasee, dann nach Verona.

Eine Tour wie sie damals unsere Eltern und Großeltern in den Ferien gemacht haben könnten, soll zeigen, warum das Phänomen VW Bus so erfolgreich wurde. Fünf T1 (produziert von 1949 bis 1967) und fünf T2 (bis 1979) aus dem Heritage-Fuhrpark hat VW Nutzfahrzeuge, die Nutzfahrzeugtochter von Volkswagen, mit ihrer Abteilung Heritage aufgebracht, um 60 Jahre „mobile Freizeit“ zu feiern. Dazu kommt unser „taigagrüner“ im Originalzustand befindlicher T2, Erstzulassung April 1977.

Die Abteilung Heritage ist eine eigens für Oldtimerbelange gegründete, dem „Erbe“ (Heritage) der legendären Busse verpflichtete Abteilung des Nutzfahrzeugherstellers. Sie kümmert sich unter anderem um die Teilnahme an Oldtimer-Rallyes, an VW-Bus-Treffen und um den Service und die Restauration der „Werks-Schätze“, ist immer auf der Suche nach wertvollen und seltenen Bulli-Exemplaren.

Unsere Autos sind jeweils unterschiedlich ausgestattet. Mal als Doppelkabine mit Pritsche, mal als begehrter Fenster-Samba mit Rolldach oder sogar als seltene Camping-Ausstattung mit Campinganhänger. Mal steht die Einrichtung in Fahrtrichtung links (so wie beim Westfalia „Berlin“, mal steht der Spül-und Kühlschrank hinter dem Beifahrersitz („Helsinki“).

Das Gefühl VW-Bus erfahren wir bereits auf den ersten Metern. Überall begegnen uns lächelnde Fußgänger, überall sehen wir winkende Hände und bewundernde Gesichter, als der Tross vorbei zieht. 600 Kilometer bergauf und bergab, abseits von Autobahn und Hochgeschwindigkeit, weg von Hektik und Streß, soll uns das Feeling der frühen Bulli-Touren vermitteln.

Der größte Feind: Die nächste Steigung

Doch schon der erste Aufstieg macht der Gruppe etwas zu schaffen. Der Regen wird immer heftiger, nach den ersten Serpentinen kommt auch noch Nebel hinzu. Eigentlich wollten wir die elf Busse zusammenhalten, den Großglockner weitgehend im Konvoi bezwingen. Doch das Wetter und die unterschiedliche Motorisierung (von 34 bis 70 PS reicht die Kraft der Boxermotoren) reißen bald eine Lücke in den Tross. Die älteren Modelle, der T1 Samba und der rote Camper mit seinem seltenen Westfalia-Anhänger tun sich am Berg schon etwas schwerer. Oft ist der erste Gang die Schaltstufe der Wahl.

Die zwei Pritschenwagen und die sechs T2 hingegen schreckt die Steigung nicht. Zwar muss man öfter schalten und heftiger am Lenkrad kurbeln, als bei einem Wagen mit mehr PS und Servolenkung - und auch das Bremsen ist ein bisschen anders. Das aber ist reine Gewöhnungssache.

Dafür erleben wir etwas für uns überraschendes: Aus schnellem Fahren wird ein gemütliches, stressfreies Dahinrollen, immer Zeit für einen Blick aufs schöne Bergmassiv oder hinab ins Tal. Und natürlich auch auf die vor und hinter uns fahrenden Bullis. Oben wird der Nebel immer dichter, Sichtweiten von 20 Metern sind viel. Die offenbar über den Wolken scheinende Sonne macht die feuchte Luft um uns herum zu einer weißen Wand, die Scheibenwischer des T2 von 1977 tanzen den Rock `n Roll ihrer Generation. Wie aus dem Nichts tauchen überholende Motorräder und entgegenkommende Autos auf, immer muss man auf der Hut sein.

Am Rastplatz Fuscher Lacke versammeln wir uns wieder, alle haben ein Grinsen auf dem Gesicht, die Augen leuchten. „So einen Spaß habe ich lange nicht gehabt“, fasst Heiko, selbst Besitzer eines T1, die ersten Kilometer mit dem Samba zusammen. Nach Schnitzel und Kaffee geht es weiter, der höchste Pass auf der Hochalpenstraße liegt auf 2.504 Meter. Im Konvoi rollen wir durch die Passhöhe, das gemauerte Hochtor, bevor der 1.200 Meter-Abstieg nach Heiligenblut ansteht.

Kommentare zu " Reisereportage: Die Wiederentdeckung der Langsamkeit"

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  • Liebe VW-Entwickler,
    so etwas möchten viele auch heute haben. Ein vielseitiges Fahrzeug ohne großen Schnickschnack, aber zu bezahlbaren Preisen.

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