Rolls-Royce: Auf Werksbesuch in Goodwood

Rolls-Royce
Auf Werksbesuch in Goodwood

Die exklusivste Automarke hat nun einen deutschen Chef. Der sagt: "Wir bauen die besten Limousinen der Welt." Mit dem Starmodell "Phantom" und dem neuen "Ghost" lockt man auch neue Käufer.
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GoodwoodEin paar Moorhühner, die typisch englischen Grouse, lassen sich auch vom blitzenden Bug eines Rolls-Royce und schon gar nicht von seinen summenden zwölf Zylindern von der Landstraße scheuchen. Ab und an liegt auch ein unter die Räder gekommener Fasan am spätherbstlichen Wegrand. Der Gast hier in den Hügeln der südenglischen Bilderbuchgrafschaft Sussex sieht das mit leicht gemischten Gefühlen. Noch aber sitzt er nicht selber am Steuer, sondern Colin.

Colin, der mich am Londoner Flughafen Heathrow mit einem schwarzen „Ghost“, dem jüngsten Modell von Rolls- Royce, abgeholt hat, ist ein grauhaariger Herr in elegantem Anzug mit Schlips und Einstecktuch, aber ohne Mütze und Handschuhe.

Ich setze mich bei ihm nicht in den Fond, und von der Anrede „Sir“ wechselt Colin sehr bald in das ungezwungene angelsächsische Vorname-Sie. Er leitet einen eigenen Chauffeurdienst, aber Gäste der Firma RR fährt er – in deren Auftrag und Wagen – am liebsten selber. „So ein Auto macht mir keine Arbeit, sondern pures Vergnügen“, sagt Colin. Und nachdem wir die Autobahnen rund um London verlassen haben, werden ihm auch idyllische Wege mit kreuzendem Geflügel, hohen wilden Hecken und schwer übersichtlichen Kurven zu kurzen Rennstrecken. Als wolle er zeigen, dass der „Ghost“ 570 PS unter der Haube hat.

Es geht zu Rolls-Royce nach Goodwood, vorbei an Landsitzen, Feldern und Parks, durch Dörfer, die wie lebende Museen der anmutigsten Backstein- und Fachwerkkunst wirken. Vor zwölf Jahren hatte BMW die damals kriselnde englische Edelmarke als selbstständiges Tochterunternehmen erworben und sogleich beschlossen, für Rolls-Royce im Zuge einer Rundumrenovierung eine neue Fabrik zu bauen.

So zog das 1904 in Manchester von dem Konstrukteur Frederick Henry Royce zusammen mit dem Autohändler Charles Rolls gegründete Unternehmen knapp ein Jahrhundert später aus dem alten industriellen Norden um in den grünen Süden der Insel. Inmitten der Wiesen und Felder des Earl of March and Kinrara entstand ein offenes Geviert von gläsernen Werkhallen und Büros: von Solarenergie gespeist, mit lichtempfindlichen Außenlamellen, mit begrünten Dächern und Teichen mit Seerosen vorm Haus.

Was so eher ländlich abgeschieden wirkt, gleicht im Planquadrat von Rolls- Royce ganz dem Goldenen Schnitt. Man liegt hier auf dem Land fast in der Mitte zwischen der Metropole und dem Meer, zwischen den Flughäfen Londons und den Seehäfen von Portsmouth und Southhampton. Hier sind populäre Badeorte nicht weit, es werden Jachten gebaut und Antiquitäten gehandelt, exquisite Handwerke verbinden sich mit neuen Technologien; zudem gibt es Kultur und Sport mit dem internationalen Sommerfestival im nahen Chichester, mit dem Motodrom von Goodwood (für die Touring-WM und Formel-1-Oldtimer) sowie einer Pferderennbahn, die Ascot Konkurrenz macht. Und überall hat der Earl of March, der auch dem Rolls-Royce-Aufsichtsrat angehört und in seinem Schloss die größte Privatsammlung von Bildern des visionären Landschafts- und Seemalers William Turner besitzt, seine rührigen Hände im Spiel.

„Lord March und Rolls-Royce sind ökonomisch und kulturell ein Glück für die Region“, sagt Colin am Steuer des „Ghost“. Im Gegensatz zu dem seit 2003 gebauten „Phantom“, dem Flaggschiff der allein aus diesen beiden Grundmodellen (mit ihren Cabrio- und Coupé-Varianten) bestehenden RR-Flotte, bedeutet der erst seit Ende 2009 gebaute „Ghost“ eine mittlere Revolution für die Marke.

Der Geist ist mit 5,40 Metern rund einen halben Meter kürzer als das Phantom, der ganze Wagen liegt tiefer, wirkt sportlich gedrungener, ist in der optischen Anmutung mehr eine Mischung aus Jaguar, Cadillac und 7er BMW. Die 2, 4 Tonnen Automasse werden von den knapp 600 PS und einer doppelten Turboladung des Zwölfzylinders in 4,9 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigt. Aber will man so profane Dinge überhaupt wissen, wenn man rund 250 000 Euro für die Grundausstattung berappt? Das ist zwar nur die Hälfte des Preises für einen „Phantom“, aber eigentlich geht es ja für den, der es sich leisten kann und will, allein darum: einen authentischen Rolls zu haben.

Natürlich ist es eindrucksvoll, auf dem aufklappbaren, wie beim „Phantom“ hinter der Wurzelholzarmatur versteckten großen Navi-Schirm auch eine Infrarot-Nachtlichtkamera einschalten zu können. Oder für die audiovisuelle Kommunikation noch schnellere Satellitenanschlüsse als im sechs Jahre älteren „Phantom“ zu haben. Doch ist der „Ghost“ ein ebenso elegantes wie sinnlich kühles Auto. Trotz aller noblen Hölzer und Lederkombinationen spürt man noch nicht so ganz den Geist des Rolls. Oder irre ich mich?

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