Sicht einer Ungarin: Wenn auf der Straße das Blut kocht

Sicht einer Ungarin
Wenn auf der Straße das Blut kocht

Europaweit Tempo 30 in Städten? Bei uns regelversessenen Deutschen vielleicht. Aber was machen die emotionalen Italiener? Der Blick einer Ungarin auf ein einheitliches Innenstadt-Tempolimit: einfach nur Blödsinn.
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DüsseldorfSlow life, slow food und jetzt slow car. Es gibt eine Szene im Film Sweet November („Eine Liebe im Herbst“ von 2001), in der der ambitiöse Werbemacho Nelson – gespielt von Keanu Reeves – das Leben und Lieben jenseits des Stress und der Hektik der Krebserkrankten Sara (Charlize Theron) kennen lernt. Als Nelson sich allmählich an das süße Carpe diem gewöhnt und in einem Bio-Café gemütlich den Moment mit Sara genießt, rast sein ehemaliger Kollege vorbei. Dieser springt aus seinem Cabrio, stürmt in den Laden und bestellt in befehlendem Ton einen schnellen Coffee-to-go. Die Besitzerin des Cafés antwortet: „Wir haben keinen schnellen Coffee-to-go auf unserer Karte“. Der unsympathische Kollege bedankt sich und flitzt aus der Bude.

Die Tempo-30-Anhänger sind wahrscheinlich auch Fans dieses Films – oder Bio-Café-Besitzer. Aber wie würde das Leben in Großstädten wie San Francisco, wo der Film spielt, in Rom oder in Budapest aussehen bei dem Tempolimit? Wie würden die temperamentvollen Autofahrer darauf reagieren? Die 30er-Beschränkung wäre im Sinne der Fußgänger, der Mütter (und der Kinder natürlich) und der Menschen im Rentenalter.

Solange sie nicht aus ihrer Rolle schlüpfen müssen. Aber was passiert, wenn der Fußgänger in ein Taxi springen muss, um seinen Termin oder seinen Flieger nicht zu verpassen? Ist er genauso Happy über Tempo 30, wie noch vor zwei Minuten, als er noch auf der Straße stand? Und der Familienvater, wenn das Kind sich beim Frühstück bekleckert und somit die Morgenroutine aufwirbelt? Kommt das Kind rechtzeitig im Kindergarten an, und die Mutti im Büro?

Ein Beispiel aus Ungarn: Im Wohnpark gilt ein Tempolimit von 20 km/h, die gehetzten Mütter fahren aber mit 70-80 Sachen durch die Gegend, solange die Straßen nicht mit Bodenschwellen und Straßenampeln versehen sind. Sie steigen aus dem Auto und beschweren sich über die Amokfahrer, die sie und die Kinder nicht über die Straße laufen lassen.

Die frequentierte Margaretenbrücke, die Buda und Pest verbindet, wurde letztens auch mit einem Schild 30 versehen, die Autofahrer können sich nur schwer zurückhalten. Schon das Limit 40 empfinden sie als Zumutung.

Die schnellsten Radfahrer in der ungarischen Hauptstadt, die radelnden Boten, treten mit 25 bis 35 Kilometer pro Stunde in die Pedale, im KRESZ – in der ungarischen Variante der Straßenverkehrsordnung – ist es erlaubt, mit einem Helm auf dem Rad 50 km/h zu fahren, ohne Helm „nur“ 40 km/h.

Und waren Sie schon in Rom unterwegs? Was machen Italiener bei Tempolimit 30? Sie gehen rückwärts. Eine allgemeine Beschränkung für die Großstadt hört sich verkehrt an. Projekt Slow City ist wie Latte Macchiato mit Sojamilch. Wenn es einem aufgezwungen wird, schmeckt es fade.

Viele befürworten eine Beschränkung, wo es wirklich nötig ist: bei Schulen, Kindergärten, Zoos zum Beispiel. Nehmen wir die Bio-Cafés mit rein, und dann reicht es auch.


Die Autorin ist Journalistin und Yogalehrerin.

 
Annika Reinert
Andrea Lukacs
Handelsblatt Online

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