Spaßbremse Auto
Kein Vorsprung durch Technik

Es klingt paradox, aber Japan verliert das Interesse an Autos: Auch wenn der Absatz im Ausland stimmt, im eigenen Staat können Firmen wie Toyota oder Mazda kaum zulegen – im Gegenteil. Schuld an der Misere ist ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren.

TOKIO. Takumi Miyamoto ist 22 Jahre alt und will ganz bestimmt kein Auto. „Mitten in der Großstadt steht so ein Ding nur im Stau, und Parkgebühren kostet es auch“, sagt der Tokioter Student, der vor zwei Jahren seinen Führerschein gemacht hat. Seitdem ist er aber kaum gefahren. Auch in ein paar Jahren, wenn er mal richtig verdient und eventuell eine Familie hat, sieht er sich vor seinem inneren Auge nicht am Steuer eines KFZ. „Das ist ja auch schlecht für die Umwelt“, sagt Miyamoto. Welche Automarken er mag? „Naja, man kennt halt Toyota und die anderen.“ Welches Auto ihn fasziniert? „Ich glaube, ich kenne nicht wirklich genug, um darüber was zu sagen zu können.“ Wenn eine Fee käme und ihm eins schenken würde, welches Modell würde er sich wünschen? „Ich habe da mal eins gesehen, das heißt Vanguard, das wäre schön groß.“ Und von welchem Hersteller ist dieser Vanguard? „Ach, keine Ahnung, ich schaue da nicht so genau hin.“

Takumi Miyamoto ist typisch für eine Generation von Japanern, die sich lieber für 30 000 Yen (ca. 190 Euro) ein Handy in Blaumetallic-Lackierung kauft, als jahrelang ein Auto für drei Millionen Yen abzubezahlen. Darunter leidet die Autoindustrie sichtlich: Die Branche verkauft in Japan immer weniger. Im August fiel im Jahresvergleich wieder einmal der Absatz – um zwei Prozent auf 228 000 Einheiten, der 26. Rückgang in Folge. Am schlimmsten traf es Honda mit einem Minus von knapp zehn Prozent und Mazda mit 7,6 Prozent.

Auch Toyota holt mit seiner gewaltigen Marketingkraft am Ende nicht viel heraus. Im August verzeichnete der Branchenprimus trotz aller Anstrengungen nur ein Plus von 2,5 Prozent auf 102 000 verkaufte Autos. „Toyota nimmt an sehr vielen Modellen kleine Änderungen vor, um sie attraktiv zu halten“, lobt Analyst Hirofumi Yokio von CSM Worldwide die Strategie. Für das Gesamtjahr erwartet CSM für die Branche einen Absatzrückgang von einem Prozent.

Einer Umfrage zufolge wünscht sich nur noch ein Viertel der Japaner zwischen 20 und 30 Jahren ein Auto. Vor sieben Jahren war es noch knapp die Hälfte der Befragten. Bei der neuen Unlust am Auto kommt vieles zusammen: In Japan leben nach jahrelanger Landflucht mehr Menschen als je zuvor in den gewaltigen Ballungsräumen um Tokio und Osaka – nach der jüngsten Volkszählung insgesamt ein Drittel aller Einwohner des Landes. Die U-Bahnen sind sauber, schnell und pünktlich, während die engen Straßen oft verstopft sind. Ein Stellplatz für ein Auto kostet in Tokio mit mehreren hundert Euro monatlich mehr als die Miete eines Appartements in Berlin.

Zudem machen ihm andere Produkte als Objekt der Begierde hart Konkurrenz. Die Elektroindustrie bietet mit immer größeren Fernsehern, glitzernderen Musikspielern und intelligenteren Handys tausend Sachen, die billiger zu haben, leichter zu pflegen und schneller zu ersetzen sind.

Außerdem haben die Psychologen und Trendforscher unter den derzeitigen Twens eine besonders brave, rationale und verantwortungsbewusste Generation ausgemacht. Die jungen Erwachsenen trinken weniger („Geldverschwendung“), verbringen mehr Wochenenden mit dem Partner zuhause („Endlich mal Zeit, die Wäsche zu machen“) und stoßen weniger eigene Modetrends an als die Generation davor.

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