Studie
Immer weniger Privatleute kaufen Neuwagen

Wenn Privatkunden ein Auto kaufen, dann ist es immer seltener ein Neuwagen. Gleichzeitig werden die Autos in Deutschland immer älter. Fremdeln die Menschen in Deutschland mit dem einstigen „liebsten Kind“, dem Auto?
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Duisburg/HannoverImmer weniger Neuwagen in Deutschland werden einer aktuellen Studie zufolge auf Privatkunden zugelassen. Gleichzeitig werden die Autos der Privatnutzer immer älter - und das seit vielen Jahren. Derzeit hat das Durchschnittsauto der Deutschen 9,3 Jahre auf dem Buckel, im Jahr 2000 waren es noch durchschnittlich 6,9 Jahre, wie die Untersuchung des CAR-Forschungszentrums der Universität Duisburg-Essen ergab.

„Die Begeisterung für neue Autos ist abgeflacht, der Gebrauchte tut es auch ganz gut“, urteilte Studienleiter Ferdinand Dudenhöffer. Er kritisierte, den Autobauern gingen die Ideen aus. Kontinuierliche Verbesserung „wird irgendwann langweilig“.

Der Studie zufolge fahren auf Deutschlands Straßen 45,07 Millionen Autos - 41,2 Millionen davon sind demnach auf Privatpersonen zugelassen. Allerdings sinke der Anteil der Privatkäufer an den Neuzulassungen: Im ersten Halbjahr 2017 seien es gerade einmal 34,6 Prozent gewesen - ein Negativrekord, sagte Dudenhöffer. 2006 habe der Anteil noch bei 47,4 Prozent gelegen. „Die Konsequenz: Die Autos der Deutschen werden immer älter“, sagte der Experte.

Dudenhöffer urteilte, das Auto werde für die Menschen in Deutschland immer mehr zum Gebrauchsgegenstand. Die emotionale Bindung, der Stolz, ein neues Auto zu besitzen, hätten dagegen über die Jahre deutlich abgenommen: „Das Auto verliert deutlich an Anziehungskraft.“

Ein paar PS oder ein paar Zentimeter Länge oder Breite mehr beim Nachfolgemodell reichten nicht aus, um Emotionen auszulösen. Er gehe nicht davon aus, dass Autos den Privatkunden schlicht zu teuer würden - angesichts der vielen verkauften Premiumautos.

Die Zahl der Neuzulassungen stieg im ersten Halbjahr um rund drei Prozent auf gut 1,7 Millionen Autos, wie der Verband der Automobilindustrie (VDA) und das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) unlängst bekanntgeben. Bei den Neuzulassungen schlägt sich auch die Diesel-Debatte nieder: Nach KBA-Angaben lag der Diesel-Anteil an den Neuzulassungen bei 41,3 Prozent - im ersten Halbjahr 2016 waren es noch 46,9 Prozent.

Die besten Kunden der Autobauer und -händler seien diese selbst, betonte Dudenhöffer. Im ersten Halbjahr seien 30,6 Prozent aller Neuzulassungen auf das Konto der Händler und Hersteller gegangen - 2006 seien es 24,6 Prozent gewesen. Weitere 23 Prozent gingen an Unternehmen.

Allerdings blieben die Autos nicht lange auf Händler und Hersteller zugelassen, sondern gingen oft nach ein paar Tagen - als Tageszulassungen und mit einem Rabatt von 20 bis 35 Prozent - an die Privatkunden. Die Menschen hätten gelernt, mit hohen Rabatten zu kaufen, erklärte der Auto-Fachmann.

Für Verunsicherung hätten auch der Abgas-Skandal um manipulierte VW-Dieselmotoren und drohende Fahrverbote in einigen Städten gesorgt. Unter den Privatkunden hätten sich im ersten Halbjahr noch 24,2 Prozent für einen Selbstzünder entschieden. Nur 2009, im Jahr der Abwrackprämie, lag der Anteil mit 16,7 Prozent noch tiefer. 2006 dagegen wollte noch ein Drittel der Privatkäufer einen Diesel.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Studie: Immer weniger Privatleute kaufen Neuwagen"

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  • "Er gehe nicht davon aus, dass Autos den Privatkunden schlicht zu teuer würden - angesichts der vielen verkauften Premiumautos."

    Kleiner Tipp für zukünftig bessere Annahmen: Die Gesellschaft ist zutiefst gespalten.
    Die Einen zahlen Mietzins (de facto oft Wucherzins, da die alternativen Anlageformen sich mit Null rentieren - de jure gilt hier allerdings die "Vergleichsmiete" vor Ort...);
    die anderen streichen den Mietzins ein.

    Im Ergebnis haben die Einen dann eben Geld für nen Oberklassewagen - und den Anderen rostet die Karre weg. Und das ist erst der Anfang. Ein Blick in die Mundhöhle käme wohl zu vergleichbaren Ergebnissen ...

    ... das ist übrigens kein deutsches Problem, sondern ein systemisches.
    In ein paar Jahren -dank Digitalisierung des Arbeitsplatzes sehr viel schneller als von den meisten heute erwartet- haben wir hierzulande Zustände wie in den USA.

  • Das Interesse an Neuwagen ist abgeflacht? Schallendes Gelächter! Seit gut 24 Jahren bin ich im Fuhrparkmanagement aktiv und stelle eher das Gegenteil fest. Das Interesse steigt...die Ansprüche auch. Fragt man jedoch die Dienstwagennutzer, ob sie ein vergleichbares Fahrzeug auch privat kaufen würden, dann lautet die Antwort: "Nee, zu teuer." Genau das ist das Problem. Sieht man sich mal die Neuwagenpreise an, kommt man schnell zur Frage: Wie soll das privat finanzierbar sein? Volkswagen hat sich preislich jedenfalls weit von seinem Namen entfernt, oder wie nennt man das, wenn z. B. ein Tiguan mit "voller Hütte" an die 70.000er Marke kratzt? Auch stellt sich die Frage, warum dann so hohe Rabatte gewährt werden. Sicher nicht, um das Kaufinteresse zu steigern, sondern lediglich um den Wagen preislich etwas "erträglicher" zu gestalten. OK. Herr Dudenhöfer wird sicherlich nicht so genau auf den Euro blicken müssen. Zum einen sicher wegen der Einkünfte, zum anderen fährt er selbst sicher auch einen Dienstwagen.

    Was die vielen verkauften Premiumautos angeht: Einfach mal einen Blick in die Zulassungsstatistik werfen. Das Gros sind gewerblich zugelassene Fahrzeuge. Viele Fahrzeuge werden als Dienstwagen genutzt. Die müssen ja schon allein wegen dem Nachbarn repräsentativ sein...Dann müsste man als nächstes noch den vermeintlich privat geleasten oder anderweitig finanzierten Teil herausrechnen. Da bleibt dann nicht mehr viel übrig.

    Abschließend stellt sich noch die Frage, warum ausgerechnet günstige Marken (z. b. Dacia) gerade bei Privatkäufern so erfolgreich sind.

  • Neuwagen zu teuer? Artikel: "Er gehe nicht davon aus, dass Autos den Privatkunden schlicht zu teuer würden - angesichts der vielen verkauften Premiumautos."

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