Technik + Wissen
"Die Anteile mit der Zeit erhöhen"

Daimler-Forscher Herbert Kohler über Biokraftstoffe und den besten Weg zu ihrer Verbreitung.

Herbert Kohler, 54, leitet die Forschung für Fahrzeugbau und Antrieb bei Daimler-Chrysler. In dieser Funktion verantwortet er die Technologiestrategie der Mercedes Benz Car Group sowie die Forschung von Chrysler. Seit 2002 ist er auch Umweltbevollmächtigter des Konzerns. Kohler untersucht seit Jahren die Möglichkeiten alternativer Kraftstoffe und hat in Indien ein Projekt angestoßen zur Gewinnung von Kraftstoff aus der Jatrophapflanze.

Professor Kohler, der Ölpreis steigt, das macht alternative Kraftstoffe wie Bioethanol interessant. Stehen wir vor einer Revolution an der Tankstelle?

Ein Ethanol-Antrieb an sich ist nichts Revolutionäres. Das ist ein ganz normaler Verbrennungsmotor, der mit Kraftstoff aus nachwachsenden Rohstoffen betrieben wird. Reines Ethanol kann man jedoch nicht einsetzen, das Kaltstartverhalten wäre dann zu schlecht. Man muss deshalb mindestens 15 Prozent fossile Brennstoffe beimischen. Dann ist das ein Ottomotor, der ganz normal arbeitet. Wir bieten solche Fahrzeuge seit Jahren in den USA als Flex-Fuel-Vehicles an.

Warum nicht auch in Deutschland?

Weil es bei uns noch nicht die Infrastruktur und noch nicht ausreichend Kraftstoff gibt. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, könnten wir solche Fahrzeuge schnell auch in Europa anbieten. Von der CO2-Bilanz her ist ein solcher Antrieb interessant.

Warum werden Biokraftstoffe erst jetzt bei uns populär? In Brasilien gibt es längst ein flächendeckendes Angebot an Biokraftstoffen und geeigneten Autos.

Da kommt vieles zusammen. Ethanol wird in Brasilien schon seit den Siebzigerjahren genutzt. Das Land hatte damals Devisenprobleme und versuchte sich auf diese Weise von Ölimporten unabhängiger zu machen. Über Klimaschutz und die Endlichkeit der Erdölvorräte hat damals keiner geredet, jedenfalls nicht in Brasilien. Zu dem Zeitpunkt hat auch niemand ahnen können, welches Umweltpotenzial Biokraftstoffe haben. Wir selbst haben uns erst seit Anfang der Neunzigerjahre intensiver mit dem Thema Kraftstoff-Forschung auseinander gesetzt.

Wann werden Mercedes-Autos auch in Europa reinen Biosprit tanken?

Einen Einführungstermin gibt es noch nicht. Wir haben Biokraftstoffe noch nicht in ausreichender Menge, sei es nun Bioethanol, sei es Biodiesel.

Man kann damit auch immer nur ein paar Prozent aller Autos betreiben. Ich bin deshalb überzeugt davon, dass der Weg über die Beimischung von Biokraftstoffen zu konventionellen Kraftstoffen führt, weil wir damit Lieferengpässe umgehen können. In Baden-Württemberg haben wir jetzt bereits Beimischungen von bis zu fünf Prozent Biodiesel zum Normaldiesel, das sind immerhin ein paar Prozent weniger Kohlendioxidemissionen. Die Mischungen kann man mit der Zeit weiter verändern und dabei den Biokraftstoff-Anteil erhöhen. Wir haben uns jetzt mit der Umweltorganisation der Vereinten Nationen auf eine Erhöhung auf zehn Prozent verständigt. Dazu sind zunächst allerdings Anpassungen am Fahrzeug notwendig sowie umfangreiche Langzeiterprobungen.

Wie schnell wird das gehen?

Das wird davon abhängen, wie sich der Erdölpreis entwickelt. Bei einem Preis von 60 Dollar pro Barrel hat die Mineralöl-Industrie eine ganz andere Motivation nach Alternativen zu suchen als bei zehn Dollar. Die Nordamerikaner unternehmen große Anstrengungen, um zu synthetischem Kraftstoff zu kommen und mit Biokraftstoffen unabhängiger vom Erdöl zu werden. Die Triebfeder heute sind nicht die schrumpfenden Erdölvorräte, sondern die steigenden Preise und die politisch zunehmend instabile Versorgungslage. Da lohnt es sich schon, darüber nachzudenken, was man mit dem Erdöl macht.

Wie wird die weitere Entwicklung sein?

Ich denke, dass wir in den nächsten 20 Jahren eine evolutionäre Entwicklung und nicht die große Revolution beim Fahrzeugantrieb erleben werden. Der Verbrennungsmotor wird sich weiterentwickeln, synthetische Kraftstoffe spielen dabei eine wichtige Rolle. Daneben wird sich aber schrittweise der Brennstoffzellenantrieb am Markt etablieren. Da bin ich ganz sicher: Bis 2015 werden wir die ersten Autos mit dieser Technologie sehen.

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