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Schnaps-Renner

Brasilien ist der weltweit größte Erzeuger von Industriealkohol und Vorreiter des neuen Trends, Autos mit Ethanol anzutreiben. Das Know-how soll nun exportiert werden.

Welchen Kraftstoff man tankt, das ist für die meisten Brasilianer eine Frage des Charakters. Sportliche Typen schwören auf Alkohol pur, weil der aus dem Motor dank höherer Klopffestigkeit mehr Leistung herausholt.

Vorsichtige Autofahrer meiden den aggressiven Alkohol, weil er die Motorteile stärker beansprucht. Wer mit dem Auto oft in menschenleeren Gegenden unterwegs ist, bevorzugt ganz konventionell Benzin. Penible Zeitgenossen zücken an der grellgrünlackierten Tankstelle von Petrobas den Taschenrechner, um genau auszurechnen, welche Lösung zum Tagespreis günstiger ist: Alkohol rechnet sich wegen des niedrigeren Energiegehalts erst, wenn er an der Zapfsäule ein Drittel billiger angeboten wird als Benzin.

"Flex-Fuel hat eine ganz neue Tankkultur geschaffen", sagt Soares Botelho, der Vizepräsident von Bosch im brasilianischen Campinas. Der deutsche Zuliefererriese zählte zusammen mit Magneti Marelli zu den Pionieren der Technologie, die es seit einigen Jahren Brasilianern erlaubt, ihr Auto wahlweise mit Benzin, Ethanol oder einer beliebigen Mischung aus beidem zu betanken. Rund 80 Prozent der eine Million Autos, die jährlich in Brasilien zugelassen werden, haben inzwischen so genannte Total-Flex-Motoren an Bord. Das ist der Weltrekord. "Brasilien hat die mit Abstand größte Erfahrung auf diesem Gebiet", heißt es bei der Internationalen Energie-Agentur (IEA).

Inzwischen schauen immer mehr Autobauer und Ölkonzerne, Staatsregierungen und deren Umweltbehörden auf Brasilien. US-Präsident George W. Bush verordnete seiner Wirtschaft kürzlich ein alternatives Kraftstoffprogramm und erklärte Brasilien dabei explizit zum Vorbild.

Alkohol hat gute Chancen, der wichtigste Ersatz für das immer teurer und knapper werdende Benzin zu werden. Die britischen Rohstoffexperten von F. O. Licht erwarten, dass 2010 weltweit 57 Milliarden Liter Alkohol zum Antrieb von Motoren genutzt werden, das wäre fast doppelt so viel wie heute. Beschleunigt werden soll die Revolution an der Tankstelle durch Förderprogramme bei der Europäischen Union, in Japan und anderen Ländern.

Im vergangenen Jahr wurden rund 2,5 Milliarden Liter des überwiegend aus Zuckerrohr gewonnenen Alkohols exportiert, aber 81 Prozent der Gesamtjahresproduktion im eigenen Land verbraucht.

Brasiliens Erfahrungen mit Alkohol als Benzinersatz begannen während der großen Ölkrise Anfang der Siebzigerjahre. Damals startete die Regierung ein ehrgeiziges Programm zur Nutzung von Ethanol aus Zuckerrohr, Proálcool genannt. Um unabhängiger von Ölimporten zu werden und Devisen zu sparen, subventionierte die damalige Militärregierung einen zweiten Treibstoffkreislauf. Der Zuckerrohranbau wurde genauso gefördert wie der Bau von Destillen, in denen Ethanol aufbereitet wurde. Der staatliche Konzern Petrobras übernahm den landesweiten Vertrieb des Biokraftstoffs über das eigene Tankstellennetz. Die Folge: Schon Mitte der Achtzigerjahre waren Autos mit Alkoholmotor allgegenwärtig. Zwei Drittel der brasilianischen Pkws fuhren ausschließlich mit Ethanol. Und die restlichen Autos tankten Benzin, dem 25 Prozent Alkohol beige- » mischt war. In den Straßen von Rio und São Paulo hing damals zur allabendlichen Rushhour der Geruch von Zuckerrohrschnaps.

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