Techno Classica in Essen: Ins Mekka des begehrten Garagengoldes

Techno Classica in Essen
Ins Mekka des begehrten Garagengoldes

Wer zum Genfer Salon, zur Frankfurter IAA oder zum Pariser Automobilsalon eilt, ist neugierig auf die neuesten automobilen Neuheiten von Alfa bis Zonda. Das ist in Essen anders. Hier steht Alteisen hoch im Kurs.
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Essen/DüsseldorfNimmt die Bedeutung von Messen sonstwo abnimmt, weil der Konsument die technologischen Neuheiten auch bequem am eigenen Bildschirm betrachten kann, offenbart sich dem Liebhaber automobiler Köstlichkeiten in den Messehallen mitten im Ruhrgebiet eine seltene Melange aus käuflicher Liebe: Renommierte Händler vom ganzen Kontinent und auch aus den USA stellen Fahrzeuge aus, die für den Inhaber jeden Geldbeutels eine Versuchung darstellen.

In Essen öffnet ab Mittwoch, und nur bis Sonntag, die Techno Classica zum 25. Mal die Tore. Neben den repräsentativen Hallen, in denen sich imageträchtig Marken und Hersteller präsentieren, gibt es nicht nur was zum Gucken, sondern zum kaufen. Denn viele Händler und Agenten nutzen diese Messe, um das, was sonst im Showroom steht, ins Rampenlicht zu rücken. Und manch wohlhabender Liebhaber kommt mit einem automobilen Schmuckstück nach Hause, dass er auf dem Hinweg nicht einmal zu kaufen trachtete. 

 

Allerdings wechselt nicht jede automobile Besonderheit hier den Besitzer. Auktionshäuser wie RM Auctions oder Bonhams heizen hier nur den Appetit an auf ihre großen Events, die wahlweise in Le Mans oder beim Concours d´Elegance am Comer See stattfinden.

Die Konkurrenten von Coys machen dagegen Kasse und versteigern am Sonntag eifrig ein vielfältiges Angebot obwohl Wettbewerber konstatieren: "Die Deutschen sind eine Nation von Probefahrern". Da macht es keinen Sinn, nach den Regeln des Gewerbes zu versteigern.

Mittlerweile ist der Markt für historische Fahrzeuge ein Verkäufermarkt: Die Nachfrage übersteigt das Angebot. Und die Vielfalt der präsentierten Fahrzeuge suggeriert die Illusion, sie sei so vermehrbar wie die Gebrauchtwagen, die allsamstäglich auf dem Parkplatz des nur wenige Kilometer entfernten Autokinos feilgeboten werden und oft genug den Weg auf dem Trailer nach Osteuropa finden.

Dabei steht die Szene vor großen Herausforderungen. Einerseits droht der Nachwuchs auszutrocknen, weil heute ein iPhone auf dem Kneipentisch mindestens dasselbe Image entfaltet wie ein Porsche-Schlüssel, den die Mehrheit der Jugend heute nicht mal erkennt. 

 

Andererseits gehen der Welt langsam die wirklich hochwertigen Autos aus. Denn was hierzulande kein Statussymbol mehr ist, wird in China oder Indien gerade imageträchtig: Reiche Sammler steigen ein, in großem Stil. Dabei wird die Anzahl der verfügbaren Fahrzeuge nicht größer. Denn obwohl jedes Jahr ein neuer Autojahrgang 30 Jahre alt, und damit H-Kennzeichen-fähig wird, so ist doch längst nicht alles sammel- und erhaltenswert, was da auf uns zukommt. Und so könnte es sein, dass gerade die seltenen und besonders teuren Exemplare an Wert zulegen, während die Masse der Oldtimerfans wächst, aber eben aus dem "erschwinglichen" Preisbereich bis 50.000 Euro nicht herauskommt.

Noch ist die Technoclassica ein Erfolgsmodell. Doch in Deutschland, den USA und Europa muss die Szene begreifen, dass diese Entwicklung keine Einbahnstraße ist. Wenn der Verkaufsstart eines neuen Mobiltelefons, das von Amerikanern entwickelt und von Chinesen produziert wird, es auf Platz drei der TV-Nachrichten schafft, die Präsentation des Dreier-BMWs oder der Mercedes-A-Klasse jedoch wegen vermeintlichem “Product-Placement” allenfalls im Auto-Teil der Tageszeitung abgehandelt wird, dann unterminiert unsere Gesellschaft die Produkte, von denen wir - im Vergleich zu Italienern und Franzosen - noch erfolgreich leben. 

Die Techno Classica in Essen ist ein anachronistisches Bekenntnis einer Gesellschaft zu den Ursprüngen ihres wirtschaftlichen Erfolges. Ohne das Automobil wäre das Wirtschaftswunder nicht möglich gewesen. Und das ist immer noch das Fundament des heutigen Wohlstandes. 

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  • Zum Schlußsatz dieses Ergusses: Ich habe bis zum Alter von 45 immer Neuwagen oder 2-Jahres-Wagen gekauft und das hätte ich vermutlich auch weiter getan, wenn ich nicht mit jeder Generation von Neufahrzeugen das Gefühl gehabt hätte, daß alles zwar ein bißchen leiser und ein bißchen komfortabler geworden ist, aber andererseits jeder Satz Reifen und jede Reparatur (die häufiger waren als die des jeweiligen Vorgängermodells) immer teurer. Weiterhin fand sich in jeder neuen Generation Zeugs, was ich weder wollte noch brauchte, aber nicht sagen konnte, daß ich das nicht will, weil es einfach "Teil des Gesamtkunstwerks" war. Zudem wurden die Autos immer teurer und der Wertverlust massiver und irgendwann habe ich beschlossen, daß ich das alles nicht mehr will und auch nicht mehr bezahlen möchte.

    Und damit fing die Oldtimerei an. Es ist also nicht so, wie der Autor glaubt, daß es eine Art Verklärung der Vergangenheit ist, sondern es sind sehr handfeste Gründe. Mir ist es auch ziemlich wurscht, ob meine Altwagen (ich habe deren 3) jemals die 50.000-Euro-Schallmauer durchbrechen - im Gegenteil, sonst könnte ich sie nicht mehr so mehr oder minder sorglos überall abstellen.

    Das Geschraube an den alten Kämpen habe ich zwischenzeitlich als sehr erbauliches Hobby entdeckt. Vor allem bekommt man mit der Zeit ein Gefühl dafür WIE NACHHALTIG die Generation der 50er, 60er und 70er gedacht haben. Im direkten Vergleich merkt man dann, was die heutigen Autos für ein aufgeblasener Fiffikram sind und wie haarsträubend gering der tatsächliche Fortschritt abseits der ganzen Elektronik doch ist.

    Sicherheitsfuzzis vergrabt Euch bitte in die Airbags und hört mit dem Tralla auf - ich wills nicht hören. Ihr dürft die modernen Dinger ja kaufen, ich hindere Euch nicht daran. Aber laßt MIR meine Oldies. Die Versicherungsprämien für diese sind nicht zuletzt deshalb so günstig, weil sie sehr wenig Unfälle bauen.

    Dem Autoren sei mal ein beliebiger Oldie empfohlen...

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