Traditionsgemäß hat die S-Klasse Vorfahrt
Dienstwagenfrage: Merkel fährt Probe

Am Dienstag war sich Audi schon sicher: Die neue Bundeskanzlerin Angela Merkel werde zwei A8 aus Ingolstadt ordern, wie schon ihr Vorgänger Gerhard Schröder. Aber so leicht legt Merkel sich nicht fest.

„Es gibt bisher keine Bestellungen“, sagte ein Regierungssprecher. „Welche Marke der Dienstwagen von Frau Merkel haben wird, ist noch völlig offen.“

Das Bundeskriminalamt hat sich lediglich die Modelle verschiedener Premiumhersteller kommen lassen, und Merkel macht jetzt Probefahrten. Dann will sie sich dem Vernehmen nach tatsächlich auf eine Marke festlegen.

Traditionsgemäß hatte dabei bis 1998 die S-Klasse Vorfahrt: Seit Adenauer sind alle Kanzler stets im aktuellen Spitzenmodell von Mercedes vorgefahren. Adenauer war in jenem Mercedes 300 unterwegs, der heute im Bonner Haus der Geschichte parkt. Wirtschaftswunder-Professor Ludwig Erhard fuhr genauso wie der Chef der ersten großen Koalition Kurt Georg Kiesinger diese Marke. Willy Brandt zeigte sich im Mercedes 300 SEL, „Weltökonom" Helmut Schmidt im 350 SEL. Helmut Kohl – mit 16 Jahren länger im Amt als alle anderen Kanzler – schaffte zwei komplette Baureihen: Von der S-Klasse Typ 126 bis zum W140, der 1991 auf den Markt kam.

Nur Gerhard Schröder tanzte aus der Reihe. Der bestellte sich 1998 für seinen Fuhrpark erst einmal zwei Audi A8 aus der Konzern-Palette des Hannoveraner Haus-Autobauers Volkswagen, in dessen Aufsichtsrat er vorher gesessen hatte. Der mehrfach Verheiratete soll damals gespottet haben, Audi sei schließlich die einzige Marke mit vier Ringen. Später stieg er auf einen VW Phaeton um. Erst auf Drängen von Daimler-Chef Jürgen Schrempp ließ er sich dann im Februar 2001 einen Mercedes S 600 V 12 vors Kanzleramt stellen.

Nun ist eine Frau am bundesdeutschen Drücker. Privat fahren Angela Merkel und ihr First Gentleman Joachim Sauer einen Golf.

Dabei investieren die Autohersteller viel in unsere Würdenträger und buhlen seit Jahren mit Superkonditionen um ihre Gunst. Laut einem Bericht der Fachzeitschrift Automobilwoche gewähren Mercedes, BMW, Audi und VW Nachlässe von mehr als 40 Prozent, wenn sie ihre Top-Limousinen zu „Regierungskonditionen“ verhökern. Doch das ist keine schlechte Investition. Schließlich sind die Staatskarossen dauernd auf Sendung.

Die Minister der schwarz-roten Koalition zeigen sich markentreu: Die neue und alte SPD-Justizministerin Brigitte Zypries fährt wie gehabt VW Phaeton. Finanzminister Peer Steinbrück bleibt beim Mercedes S 600 von Sparkommissar Hans Eichel.

Vielleicht bringt Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) wenigstens einen BMW Siebener aus München mit. Auch wenn sein Sprecher zu solchen „Verwaltungsinterna“ nichts sagen will - so viel lokalpatriotische Wirtschaftsförderung muss doch drin sein! Wo es Edmund Stoiber schon nicht geschafft hat, den Siebener in der Kanzlergarage unterzubringen.

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