Treibstoffpreise
Benzin dürfte so teuer wie nie werden

Niedrige Lagerbestände und mangelnde Raffineriekapazitäten treiben den Benzinpreis pünktlich zu den Sommerferien auf Rekordhöhen. Ein Teil des Preisanstiegs lässt sich nach Recherchen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung mit äußeren Faktoren nicht erklären - vielmehr füllten sich die Konzerne schlicht die Kasse.
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iw/rp BERLIN. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet, dass der Preis für einen Liter Superbenzin in den nächsten Wochen die Marke von 1,50 Euro erreichen könnte. Das wäre der höchste Preis, den Autofahrer jemals an deutschen Tankstelle für einen Liter Superbenzin bezahlen mussten.

Grund für die Preissprünge ist ein ganzer Cocktail aus ungünstigen Faktoren. Vor wenigen Tagen teilte das amerikanische Energieministerium mit, die Benzinlagerbestände in den USA seien entgegen den Erwartungen nicht gestiegen. „Das schlägt sofort auf den Preis durch“, sagt die Branchenanalystin Sintje Diek von der Bayerischen Landesbank.

Auch in den USA steht die Feriensaison an - und weil die amerikanische Ölindustrie über zu geringe Raffineriekapazitäten verfügt, kauft sie auf dem Weltmarkt zu. Damit steigen die Benzinpreise auch in Europa. Hinzu kommt, dass Klimatologen mit einer starken Hurrikansaison rechnen – mögliche Ausfälle bei der Produktion werden bereits in den Benzinpreis mit einberechnet.

Im vergangenen Jahr waren im Golf von Mexiko, dem Schwerpunkt der amerikanischen Öl- und Gasproduktion, schwere Wirbelstürme ausgeblieben. Für dieses Jahr wird nun eine besonders heftige Hurrikan-Saison prognostiziert. „Dies würde im Golf von Mexiko die Produktion von Öl und Gas und die Raffinerien entlang der Küste erneut treffen“, sagt Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank. Er erinnert dabei an die Auswirkungen des Wirbelsturmes „Katrina“ im Jahr 2005.

Die Sorge vor einer Knappheit treibt daher nicht nur die Produktpreise, sondern auch die Notierungen an den Rohölmärkten. Am Dienstag kostete die europäische Sorte Brent erstmals seit gut zehn Monaten über 72 Dollar je Barrel (159 Liter). Noch höher lag der Brentölpreis im Sommer 2006, als er auf das Allzeithoch von 78,63 Dollar gestiegen war. Sollten tatsächlich erneut Stürme die Produktion in den USA lahm legen, oder neue geopolitische Unsicherheiten auftreten, könnte die Marke von 80 Dollar schnell in greifbare Nähe rücken. Am Dienstag verunsicherte unter anderem der iranische Opec-Minister Hossein Kasempur Ardebili die Märkte mit Äußerungen, dass der Iran seine Ölreserven im Atomstreit als Druckmittel einsetzen könnte.

DIW: Konzerne treiben Preis zusätzlich

Nach Ansicht des DIW treiben die Mineralölkonzerne selbst den Preis zusätzlich, um ihre Marge zu erhöhen. Claudia Kemfert, die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, und Umwelt des DIW, sagte dem Handelsblatt, dass die Konzerne in Deutschland schlechtere Margen erwirtschafteten als im benachbarten Europa. Deshalb würden die Anbieter in der Ferienzeit den steigenden Verbrauch als zusätzliche Verdienstmöglichkeit nutzen. „Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Konzerne in diesen Perioden zwei Cent mehr verlangen, ohne dass es einen besonderen Grund dafür gibt.“

Die Mineralölkonzerne BP, Royal Dutch Shell und Exxon-Mobil streiten diese Praxis zwar mehrmals im Jahr ab. Laut Kemfert geben Vertreter der Branche aber sogar auf Podiumsdiskussionen zu, dass die Ferienaufschläge gewinngetrieben seien.

Solche Preisaufschläge kosten den Staat wiederum massive Steuereinnahmen: Die hohen Preise verstärken den Drang deutscher Autofahrer, sich im billigeren Ausland mit Treibstoff zu versorgen. Nach Berechnungen des DIW entgehen pro Jahr durch Tanktourismus rund zwei Milliarden Euro an Steuern. Mit einer Steuersenkung könnte der Bund diesen Verlust ausgleichen.

Organisationen wie der ADAC fordern dies ebenfalls und kritisieren die Preispolitik der Öl-Multis als Abzockerei auf den Rücken der kleinen Leute. Verkehrswissenschaftler weisen aber darauf hin, dass höhere Benzinpreise nicht zu einem geringeren Verbrauch führen. Die Statistik zeigt, dass die gefahrenen Kilometer 2006 nicht in dem Maß abnahmen, wie die Preise stiegen. Im Jahr 2005 nahm die so genannte Fahrleistung bei steigenden Preisen sogar zu. Die Deutschen kaufen zwar sparsamere Autos, reduzieren ihre Wegstrecken aber kaum.

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