Tumminellis Designkritik
3er Coupé: Zurück zu den Wurzeln

Der 3er Coupé erfreut mit einer Linienführung, die auf stilvolle Weise Tradition mit Zukunft vereint. Die Designwende bei BMW ist bestätigt.

Ich darf mich zunächst für einen Einleitungstext, der ein wenig nach Propaganda klingt, entschuldigen. Und auch dafür, dass ich, nachdem ich vor gerade zwei Wochen den Z4 Coupé meiner Designkritik unterzogen habe, schon wieder über BMW schreibe. Aber der Anlass erscheint mir gerechtfertig und auch zeitlich unbedingt passend zu sein: BMW hat Bilder vom neuen 3er Coupé veröffentlicht. Die Sensation dabei ist, dass es keine Sensation gibt. Dafür aber jede Menge Emotion und Freude, diesmal nicht nur am Fahren.

Dabei soll jeder glücklich sein: Die „Flame Surfacing“-Handschrift von Chris Bangle ist nach wie vor präsent, die Oberflächen werden aber dadurch nicht mehr strapaziert, sondern eher gestreichelt. Alle Linien, Sicken und Schnitte fließen in die richtige Richtung – und immer dorthin, wohin auch das Auge des Betrachters sich bewegen möchte. Der Betrachter, der meistens auch Kunde ist, wird sich über die wieder gefundene, sportliche Eleganz des Wagens freuen.

So harmoniert das weiterhin klassisch gehaltene Greenhouse (im Designerjargon: alles, was sich über der Gürtellinie befindet, also die Dachkonstruktion) besser mit dem auf neue Weise klassischen Heck. Wurde dieses in die 3er-Limousine hineingezwungen, so ist das Implantat beim Coupé unsichtbar. Auch im Detail findet BMW den Mut zur notwendigen Stringenz und Kohärenz wieder. So meiden Scheinwerfer und Rückleuchte das Weihnachtsbaum-Innenleben, mit dem sich mittlerweile selbst jedes Billiglohnland-Auto schmückt. Dafür sind sie optisch kleiner und formal stabiler geworden. Man könnte fast sagen, sie sind zurückhaltender.

In diesem Sinne schafft BMW eine philosophische Trendwende und bringt vergangene Werte wieder ins Spiel. Eine Gefahr für die Markenidentität? Im Gegenteil. Man wird schnell feststellen, dass eine einfache, stringente Designqualität sehr schwer zu imitieren ist. Das spricht für Zeitlosigkeit, höheren Wiederverkaufswert und erhöhte Kundentreue. Die Frage, was diese Trendwende für den Markt bedeutet, werden die Wettbewerber für sich auch beantworten müssen. Ich prognostiziere in jedem Fall, dass die künftigen Modelle aus Stuttgart-Untertürkheim einer ähnlichen Richtung folgen werden.

„All’s well that ends well?“ Wer unbedingt gerne einen „Pimp-my-ride“-Wagen (frei nach der eigenwilligen MTV-Serie, bei der alte Karren bombastisch aufgemotzt werden) fahren möchte und mit den letzteren BMWs sehr wohl zurecht kam, wird sich nun mit dem einzigen überlebenden Pimp-Element, der Haiflosse am Dach, nicht zufrieden geben. Das ist auch eine gute Nachricht: Denn bei den eingefleischten Fans der Pimp-Elemente handelte sich meist um Kundschaft, die eine Marke wie BMW sich nicht unmittelbar wünschen sollte.

Paolo Tumminelli ist Design-Professor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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