Tumminellis Designkritik
Ferrari FF - Vier gewinnt

Ferrari gibt dem Sportwagen mit seinem neuen FF einen familienfreundlichen Anstrich. Der Ferrari Four sieht ungewohnt aus, könnte sich aber gut verkaufen.
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DüsseldorfGibt es überhaupt eine Rettung für den Sportwagen? Ferrari geht der Frage nach und postuliert das Thema auf alte Art neu. Ab jetzt gibt es im roten Ross eine Heckklappe, damit man den Kinderwagen artgerecht mitschleppen kann, und Allradantrieb, damit man auch im Schnee vorwärtskommt. Ferraris 660 PS rücken brav in den Stall. Wie ein Stallwagen sieht der Neue aus, obwohl seine Form mehr an den berühmten „Breadvan“, Ferraris Rennkastenwagen von 1962, als an einen Astra Kombi erinnert. „Shooting Break“, oder Jagd-Kombi will die Kombination aus sportlicher Front und nützlichem Heck nach altbritischer Sitte genannt werden, doch die ist dem Freiherrn di Montezemolo offensichtlich zu bieder.

Stattdessen gibt es das geheimnisvolle Kürzel „FF“ für Ferrari Four: vier Sitze, Vierradantrieb. Das könnte auch für „fiese Fälschung“ stehen, denn das Kürzel FF gilt unverkennbar auch für den unter Kennern feinsten Automobilbaus berühmten Jensen FF. Animiert von einem gewaltigen Chrysler V8, stand 1966 der viersitzige Granturismo für absolutes High Tech. Die Interceptor-Linie hatte die Carrozzeria Touring in Mailand entworfen, die Karosserie Vignale in Turin gefertigt, dazu kamen ein permanenter Allradantrieb (vier Jahre vor Range Rover und vierzehn vor Audi) und das weltweit erste Antiblockiersystem (zwölf Jahre vor Mercedes-Benz). Trotz oder gerade wegen der aufwendigen Ausstattung gingen lediglich 320 Stück des kostbaren Exoten an den Mann, heute würde man es einen Flop nennen.

Auch wenn Ferrari das nicht mag, der Name FF muss als Hommage an Jensen betrachtet werden, denn manchmal braucht eine gute Idee einfach Zeit zum Reifen. Vor 45 Jahren entwickelte sich der Sportwagen, bis dahin ein vernünftiger Allrounder, zur unvernünftigen Supersportkanone weiter nach dem Prinzip Lamborghini Miura, ebenfalls 1966. Autos, die häufiger in der geheizten Garage unterm Seidentuch weilten, als dass sie gefahren wurden. Deshalb gab es für den Reiseeinsatz die Schnelllimousine, für die Bergfahrt den Geländewagen, dazwischen gern einen Roadster, dazu den Golf als Familien-Joker. Dass Leistung und Vernunft zusammen nicht mehr vermarktbar sind, durfte selbst Porsche erleben, dessen 1970er-Modelle mit Heckklappe sich gegen den 911er nicht durchsetzen konnten.

Doch heute gibt es eine Chance für den Ferrari mit Kofferraum. Denn die schrill gestalteten, völlig sinnlosen Supersportwagen sind kaum mehr einsetzbar. Und die Vorliebe der Autokäufer geht eher Richtung Verschlankung. Der FF könnte so den Portofino-Scaglietti und den St.-Moritz-Rover gleichzeitig ablösen. Ein Ferrari, mit dem man endlich in den Wintersport fahren und Skier mitnehmen kann, wie Porsches Werbung früher gekonnt zu inszenieren wusste.

Mit Downsizing beziehungsweise Understatement hat der ewige Poser aus Maranello zwar kaum etwas zu tun. Dennoch entspricht er auf sehr treffende Weise dem Spleen, der gerade durch die Autowelt wirbelt: Wiederholt hört man das Wort Tempolimit, man redet über eine Pkw-Maut und dass man das nächste Benzin wahrscheinlich beim Juwelier kaufen kann. Man kann auf die Hiobsbotschaften defensiv reagieren – dafür gibt es von Mercedes eine S(par)-Klasse mit 2,1-Liter-Vierzylinder-Turbodiesel. Und man kann darauf reagieren, wie es Lorenzo de Medici, Staatsherr, Weltbankier, Politiker und Mäzen, vor einem halben Jahrtausend empfahl: „Sei froh, wer’s sein mag, denn für morgen gibt es keine Gewissheit.“ Diese Haltung kurbelt wenigstens die Wirtschaft an – und füllt Ferraris Kassen.

Der Autor, Paolo Tumminelli, ist Designprofessor (FH Köln) und Gründer von Goodbrands.

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