Tumminellis Designkritik
Klares Retro-Bekenntnis: Yamaha Giggle

Im Stadtverkehr wären Roller eine vernünftige Alternative zum Automobil, gäbe es nur welche mit vernünftigem Design. In Anlehnung an den Retro-Look der legendären Lambretta hat Yamaha nun mit der kleinen Giggle eine neue Design-Sachlichkeit ins Leben gerufen. Die Giggle ist funktional, sparsam, aber auch emotional und sympathisch.
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DÜSSELDORF. Designgenetisch besitzen Motorroller alle Merkmale, die sie zu Sympathieträgern machen: Die kleinen Räder erinnern an ein Spielzeug, die Sitzposition ist mehr Hollywood-Schaukel als Fahrer-Cockpit un die Ästhetik ist mehr Teddybär als Rakete. Oder besser gesagt, war, denn seit einem guten Jahrzehnt wird auch im Rollerdesign Leistung demonstrativ zur Schau gestellt – selbst wenn sie kaum vorhanden ist.

Lediglich die Vespa – mittlerweile zur eigenständigen Marke geadelt und designtechnisch zum ewigen Retro-Look verdammt – lässt sich heute noch relativ stilvoll fahren, ungeachtet des Alters und der sozialen Herkunft.

Doch die Vespa, das wissen Kenner noch, war nur die eine Seite der Rollerwelt. Die Lambretta, das Wettbewerbsprodukt des Mailänder Stahlrohrproduzenten Ferdinando Innocenti, gehörte stets mit zum Straßenbild. Ein vielleicht noch internationaleres Renommee war unter anderem der Lambretta-Adoption durch die britische Mods-Generation zu verdanken.

Der frühere Tod der Marke hatte aber weniger mit mangelnden Produkteigenschaften als mit dem Fehlen der richtigen Verwandtschaften in Zeiten der Krise zu tun – Vespas Familie Piaggio und Fiats Familie Agnelli waren sprichwörtlich verheiratet.

Außer beim Image, hat die heutige Vespa relativ wenig mit dem Urtyp zu tun. Aus der rustikalen, obgleich emotionsvoll gestalteten Nutzmaschine ist ein schmuckes Lifestye-Objekt, ein glänzendes Premium-Produkt geworden. So mancher Rollerfahrer wünscht sich daher eine Alternative.

Diese bringt Yamaha mit dem kleinen Giggle auf den Markt. Der Roller sieht wie ein direkter Nachkömmling der ersten Lambretta aus. Der kompakte Bau, die einfache Verkleidung, das niedrige Trittbrett, das kastenförmige Heck verraten ebensoviele Ähnlichkeiten wie auch die Details: So wie die Telegabel und der einfache Scheinwerfer, der über der vorderen Stoßstange thront.

Ohne den Namen Lambretta zu nennen, bekennt sich Yamaha zum Retro-Look. Dabei handelt es sich aber um die bessere Art des Retros: Der Giggle ist funktionaler, sparsamer, logischer und trotzdem nicht weniger emotional oder gar unsympathisch. Dieses Retro öffnet die Türen zu einer neuen Design-Sachlichkeit.

Paolo Tumminelli ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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